Tour 2015 – Nach Santiago über den Camino Frances

Karfreitag. So langsam stellt sich eine leichte Unruhe ein. Alles Wichtige beisammen ? Alles Erforderliche erledigt und angeleiert ? Fahrrad startklar ? Das Hamsterrad dreht sich schneller. Jetzt erst merke ich wie stark ich beruflich, familiär und auch sonst „eingespannt“ bin. Alles sollte zu Hause und auf der Arbeit während der wochenlangen Abwesenheit möglichst reibungslos weitergehen, so zumindest mein Anspruch. Erste Verabschiedungen.

Wenn ich sage „dass ich mal weg bin“ weiMuschelss jeder, aber wirklich jeder sofort Bescheid. Offenbar hat die gesamte Republik das Buch von Hape Kerkeling gelesen.  Allseits bekomme ich gute Wünsche für ein gutes Gelingen des Camino.

Speziellen Dank geht an die Hügels für Energieriegel, Studentenfutter und andere Stimmungsaufheller. Ich werde diese noch brauchen…..   Den gestrigen regnerischen Heimweg von der Arbeit nutzte ich bei lausigen 4°C und horizontalem Regen die Regenkleidung zu testen – Alles Dicht !  Und der Regenponcho wurde noch gar nicht ausgepackt. Aber selbst bei dieser Kälte kommt man „gegenan“ ins Schwitzen – allemal besser als frieren.

Das Wetter soll sich nächste Woche  bessern – schlimmer geht nimmer.

 

Titisee statt Titicacasee

Der Start am Samstagmorgen (11.04.2015) fiel schwer.

Es galt von der Familie Abschied zu nehmen für mehrere Wochen.  Meinen Sohn Lukas werde ich sogar mehrere Monate nicht mehr sehen, er wird in wenigen Tagen in Richtung Asien aufbrechen, erstes Ziel ist der Iran.

Die Kontraste könnten kaum grösser sein:  Ich auf dem Weg nach Santiago di Compostela und an das Ende der Welt, mein Sohn auf dem Weg in das Herz der Finsternis (nach George W. Bushs Diktion).

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Erster Boxenstop beim Joos in Radolfzell bereits nach 10 Kilometern

Noch ahnte ich nicht was für ein Tag mir bevorsteht.

Und schon die erste Panne: der nagelneue Flaschenhalter zerbröselte auf den ersten Metern. Kein Problem: es ist Samstag und der nächste Fahrradladen ist 8 km entfernt und liegt ohnehin am Weg. Beim Joos in Radolfzell wurde das billige Chinateil gegen ein teures Chinateil ausgewechselt (Motto: wer billig kauft, kauft mehrmals).

Der weitere Weg führte mich weiter durch vertraute Strecken der Heimat über Rielasingen und Büsingen  nach Schaffhausen. Hinter Schaffhausen wird der Gegenwind auf der offenen Hochfläche immer giftiger. Kaum mehr als 10 km/h sind auf der ebenen Strecke drin, so pfeift der Wind. Dann erreiche ich das windgeschützte Wutachtal, von wo aus bald die Straße hinauf nach Bonndorf abzweigt.

Die Streckenführung habe ich mir am Schreibtisch ausgesucht, weil sie vom Höhenprofil her am günstigsten war. Alle anderen Varianten, beispielsweise über den Hohen Randen, wären vom Höhenprofil her deutlich schwieriger gewesen.

Trotzdem lässt sich der Anstieg hinauf nach Bonndorf im Schwarzwald nicht wegoptimieren. Endlos geht es steil bergauf und gegen den Wind. Bei 9% Steigung und weiterhin strammen Gegenwind gepaart mit Nieselregen war das heute ein Fehlstart nach Maß. Ich schiebe über mehrere Kilometer. Dazu noch vor Bonndorf die Fahrt auf einer bolzengeraden Bundesstraße ohne nennenswerten Seitenstreifen.

In Bonndorf waren schon über 1000 Höhenmeter beisammen. Kondition und Stimmung unter Null. Da halfen auch die von Sabine und Heike mitgegebenen Stimmungsaufheller nicht mehr viel.

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Direkt vor meiner Unterkunft: Wenn man dem Wegweiser des Jakobsweges glauben darf, führt dieser direkt ins Himmelreich…. oder sind es nur Wortspielereien mit Schwarzwälder Ortsnamen ?

Die kulinarische Erstversorgung konnte ich an diesem Samstagnachmittag in einem Edeka in Bonndorf vornehmen.

Die erste Apfelschorle war in einem Zug auf Ex geleert und die Supermarkt-Käsesemmel und der Kaffee halfen wieder in den positiven Bereich zu kommen.

Weiter ging es ab Bonndorf meist abwärts auf dem aufgelassenen Bahngleis nach Neustadt im Schwarzwald.

Ich wollte heute noch bis Titisee kommen. Mein Quartier in einer Pension in Titisee hatte ich schon von zu Hause aus gebucht.

Nach  120 km und 1286 Höhenmetern war am Abend Titisee erreicht.  Ich war völlig fertig.

Erkenntnis des Tages:  Grenzen sollte man nicht überschreiten, meine habe ich heute überschritten.

 

Vom Hochschwarzwald nach Frankreich

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Oben im Schwarzwald bei Hinterzarten ist vom Frühling noch nichts zu sehen.

12.04.    Der heutige Tag sollte anders werden. Es konnte auch nur noch besser werden. Durch den lieblichen Bilderbuch-Schwarzwald ging es vorbei an den letzten versteckten Schneeresten nach Hinterzarten.

Welche Route soll ich nun nehmen ? Noch weitere 200 Höhenmeter hinauf auf der B500 und die gestern und heute erschundene Höhe hinunter nach Buchenbach wegbremsen oder das Höllental auf der B31 hinunterbrettern.

Trotz lausiger 3°C am Morgen entschied ich mich für das Höllental. Beide Hände mit den Handschuhen fest an den Lenker, Helm auf und mit nach Yogi Löws Diktion „högschder Konzentration“ Fahrt aufgenommen. Bei konstant 45 – 50 km/h war das untere Ende des Höllentals schnell erreicht und fast 500 Höhenmeter lösten sich in wenigen Minuten im Fahrtwind auf.

Durch das Dreisamtal, vorbei an sonnigen Wiesen, rauschenden Bächlein (korrekt heisst es in dieser Gegend Badens  „Bächli“, wer „Bächle“ sagt entlarvt sich als Schwob) und Johann-Peter-Hebel Romantik, war das frühlingshafte Freiburg alsbald und mit wenig Kraftaufwand erreicht.

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Frühlingserwachen am Kloster St. Lioba beim Schauinsland vor den Toren Freiburgs.

Zum Mittagessen war ich im Kloster St. Lioba in Grüntal bei Schwester Witburga angekündigt. Punkt 12 Uhr wurde ich erwartet.

Immer noch in alter geistiger Frische mit über 80 Jahren ist sie ein Vorbild – bestens informiert in religiöser und weltlicher Sicht, und scharfzüngig wie immer ist es ein Hochgenuss sich mit ihr zu unterhalten.

Bald nach dem Essen musste sie gehen, sie hat sich nur mir zuliebe von ihren heutigen Verpflichtungen zeitweise losgeeist. Aber auch ich hatte noch viele Kilometer vor mir.

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Spargelfelder am Oberrhein vor der Kulisse des Schwarzwaldes und dessen letzter Schneereste

Schnell war ich aus Freiburg draussen und spulte meine Kilometer in der Ebene ab. Frühling am Oberrhein. Spargelfelder vor der Kulisse des Scharzwaldes. Überall explodiert die Natur, sattgrüne Wiesen, bestellte Felder und blühende Natur. Letzte Schneefelder an den Nordhängen von Schauinsland und Belchen.

In Neuenburg war nach 85 km Frankreich erreicht. Seit Freiburg bis zur Grenze gab es ausnahmslos exzellente Radwege und Ausschilderungen die den Radfahrer erfreuten.

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Grenze zu Frankreich bei Neuenburg

Am Ende des Tages war dann ein letzter Anstieg mit 200 Höhenmetern hinauf nach Jettigen (in der Nähe von Basel) zu Werners Wohnort im Elsass, wo ich heute übernachten werde.

Die Wiederseensfreude mit Werner war gross, wir hatten uns viel zu erzählen.

Ich fühle mich heute bedeutend besser, obwohl es am Ende des Tages doch wieder 125 km und 500 Höhenmeter waren. Morgen aber ist Ruhetag.

Ruhetag

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Afrika live im Dacia-Dienstwagen eines erfolgreichen Maklers
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Bricolage – Erstlingswerk eines improvisierten Schaftransportanhängers
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Bei Werner auf dem Land
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Essen wie Gott in Frankreich – Selbst das einfache Menu du jour war ein Gedicht.

13.04.    Ruhetag bei Werner in Jettingen im Elsass.

Werner habe ich in Afrika vor vielen Jahren kennengelernt. Auch er fuhr seinerzeit mit alten Peugeots durch die Sahara in Richtung Westafrika. Einige Male während der Studentenzeit besuchte ich ihn in Benin in Westafrika, als ich weitere alte Peugeots dorthin fuhr. Dann verloren wir uns langsam aus den Augen.

 

Als ich Ihn im Internet (wo sonst) fand und er im Elsass wohnte, war klar, dass ich meine Route nicht über die Schweiz (Einsiedeln,Genf) und über Le Puy zu den Pyrenäen wählen werde, sondern weiter nördlich die Via Lemoviciensis über das Elsass, Burgund nach Avallon und Vezelay.  Werner fand meine Idee den Jakobsweg zu fahren faszinierend und er wird mich nun die nächsten Tage auf dem Rad durch Frankreich begleiten.

Werner war bei der GTZ  lange Entwicklungshelfer in Afrika, Südamerika und Asien und ist zwischenzeitlich ein sehr erfolgreicher Immobilienmakler, was ich zuerst überhaupt nicht verstand.

Wer aber die Branche kennt und die windigen und höchnäsigen Gestalten und deren Geschäftsgebaren, wundert sich nicht, wenn ihm in seiner ehrlichen, direkten und kommunikativen Art die Kunden nur so zufliegen.
Sein Wagen ist ein schon etwas heruntergekommener Dacia, innen komplett „afrikanisiert“, seine Frau fährt einen alten Opel.

Mehr Auto braucht kein Mensch – so seine Einstellung. Sein großes Steckenpferd ist aber die Tierzucht.

Auf seinem Anwesen gibt es Tauben, eine Herde mit 21 Schafen, Hunde, Meerschweinchen, Hühner und Katzen. Für einen anstehenden Schafstransport baue ich für ihn einen PKW- Anhänger entsprechend um.  Für mich sozusagen ein Erstlingswerk.

Zwei Mal nahm er mich zu seinen Immobilienkunden mit und ich bekam nebenbei einen Crashkurs in französischer Konversation, Kundenkommunikation und makeln.

Schaftransport

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Sonnenuntergangsstimmung über den Vogesen

14.04.     Der Anhänger ist fertig und wir transportieren vier Schafe zu einem Kunden, der diese sozusagen als Zugabe zu seinem gekauften Bauernhaus bekommt. Jetzt hat Werners Herde nur noch 17 Tiere, aber zwei Lämmer sind dieser Tage auf die Welt gekommen und ein halbes Dutzend Schafe sind noch trächtig.

Gegen Abend dann die Fahrt nach Seppois le haut (25 km).   Wir sind bei einem weiteren befreundeten Kunden eingeladen und essen vorzüglich zu Abend. Bei Franceska in dem alten Bauernhaus fühlen wir uns beide sehr wohl.

 

On the road again

15.04.    Wir fahren los nach einem reichhaltigen Frühstück bei Christof und Franceska die uns herzlich verabschieden. Beide sind Schweizer, wobei sie in Basel arbeitet. Der Wohlstand im Dreiländereck und speziell im Elsass ist den zahlreichen Pendlern geschuldet, welche in Basel und anderen Orten der nahen Schweiz arbeiten und nicht nur in der Pharmabranche ein Vielfaches der französischen Löhne verdienen.

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Am Rhein-/Rhone-Kanal

Nach zwei Ruhetagen geht es auf die Strecke, die Route wird auf anraten von Werner geändert und wir fahren zuerst auf einem alten Bahntrasse` und dann am alten Rhein-/Rhone-Kanal  heute knapp 100 km weit.  Die Strecke am Kanal ist topfeben und es sieht hier aus wie im oberen Donautal. Überall liegt der Frühling in der Luft und frisches Grün erfreut das Auge.

Wir übernachten wenige Kilometer vor Baume-les-Dames. Werner verhandelt kurz mit der Vermieterin und sagt dass sie doch wie er schon genug Steuern zahlt. Schwupps haben wir als Gegenleistung der nicht ausgestellten Rechnung ein tolles Frühstück als Dreingabe bekommen. Überhaupt ist Werner als perfekt französisch sprechender Weltenbummler immer und überall der Türöffner.

 

Wie im Donautal

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Fahrradtunnel in Besançon unter der Zitadelle
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Wie im Donautal

16.04. Wir folgen auch heute dem alten Rhein-/ Rhone-Kanal. Dieser folgt im weiteren Verlauf dem Fluss Doubs. Wir kommen an Besançon vorbei. Fahren durch den Fahrradtunnel (!) unter der Zitadelle durch. Es läuft gut dank ebener Strecke (120 km). Am Ende des Tages erreichen wir die malerische Kleinstadt Dole wo wir Übernachten.

Bei aller Beschaulichkeit und landschaftlicher Schönheit sind viele Probleme Frankreichs hier wie in einem Brennglas sichtbar: verfallene Fabriken, Leerstände mitten in der Stadt, aufgegebene Läden, sterbene Innenstädte, Landflucht, Arbeitslosigkeit, überdehnter öffentlicher Sektor usw.

Wir haben viel Zeit und Werner seziert gnadenlos die Zustände und die sichtbaren und unsichtbaren Probleme in Frankreich.

Werner verkauft heute so nebenbei telefonierend auf dem Fahrrad zwei Häuser, mehr aber freut er sich über weitere vier Lämmer seiner kleinen Schafherde die heute im Laufe des Tages auf die Welt kamen. Wir kommen heute bis Dole einem hübschen kleinen Städtchen wo wir bei einem Japaner zu Abend essen.

 

Wir haben den Kanal noch nicht voll….

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Dole am Rhein/Rhone- Kanal

17.04. Heute morgen haben wir erstmals Regen, die Abfahrt verzögert sich. Bei zwei Milchkaffees in einem Strassencafe und im Trockenen lässt es sich gut Warten.

Nach den beiden Vortagen die ordentlich Kilometer brachten, lassen wir es heute langsam angehen.  Wir stoßen im Laufe des Morgens auf die Saone und fällen die Entscheidung nicht weiter in Richtung Dijon und Vezelay zu fahren, sondern wollen der Saone in Richtung Cluny und Rhonetal folgen.

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Die Saone bei St. Jean de LosneAuch hier finden wir immer wieder Schilder und Hinweise auf den Jakobsweg.  Insofern ist unsere „Abweichung“  regelkonform. Radtouristen sind hier in der Gegend anscheinend eine umworbene Zielgruppe.

Was das Fahrradfahren angeht, sind wir mittlerweile ziemlich verwöhnt, denn wir fuhren die letzten 250 km fast ausschließlich entlang von Flüssen und Kanälen auf exzellenten Radwegen.

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Hier an der Saone in St. Jean de Losne wird bereits kräftig für den Jakobsweg geworben, obwohl Pilger mehr als rar sind.

Am Nachmittag dann ein kleiner Regenguss, der uns zum Unterstellen zwingt.

Als ich bei einem Halt an einem Bistro das Rad abschließen wollte, als es nicht einsehbar war, sagte Werner nur cool: „lass es, diese Sorte Franzosen die Räder klauen, klauen keine Räder mit Gepäck, damit herumzufahren ist viel zu anstrengend“.

 

Am Abend erreichen wir Verdun sur le Doubs und finden dort eine schöne Unterkunft.Auch hier sind wir wieder die einzigen Gäste, umso willkommener sind wir.
HDSCF5813Aeute waren waren wir nur 70 km unterwegs. 
In der abgelaufenen Woche (ich bin morgen früh eine Woche unterwegs) waren es 560 km und 2700 Höhenmeter. 

Vergaloppiert

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Ein Bed and Breakfast vom Feinsten

18.04. Es regnet den ganzen Abend und die ganze Nacht. In der netten, sehr geschmackvoll eingerichteten Pension (in Frankreich heissen solche Häuser Chambre d’Hotes) übernachten wir im Doppelzimmer. Das Frühstück ist für französische Verhältnisse vom Allerfeinsten mit selbst gemachten Konfitüren und ebenfalls selbst gemachtem Joghurt.

Der Regen hat pünktlich aufgehört, die Sonne scheint, aber der Wind hat seit gestern Abend aufgefrischt. Aber er bläst von hinten (wann gibt es schon so etwas).

 

 

 

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Ebene Strecke, sonnig und Rückenwind

Wir kommen zusammen mit einem französischen Radler auf Nebenstrecken in Richtung Canal du Central gut voran, bis wir an einer nicht ausgeschilderten Kreuzung falsch abbiegen und von einem unwissenden Passanten im wahrsten Sinne des Wortes weiter auf den Holzweg geschickt werden.

 

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Festgefahren
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Hier soll ein Weg sein, sagt zumindest das Navigationssystem.

Jedenfalls vergallopieren wir drei uns immer mehr im Wald. Auch mein zwischenzeitlich angeworfenes GPS ist keine große Hilfe, da es Wege ausweist wo allenfalls Wildwechsel sind.

Werner und ich entschließen uns die nächsten zwei Kilometer auf einem solchen „Weg“ durch den Wald zu schieben. Unser Franzose winkt ab und verabschiedet sich zwischenzeitlich, da er als Franzose eher sportif gepolt ist und wahrscheinlich denkt, die bescheuerten Deutschen müssen es unbedingt mit der Brechstange versuchen und Panzer im Wald spielen.

Wir schieben die Räder auf dem nassen Wildwechsel, der voller Pfützen und Matschlöcher ist. Entsprechend sehen wir und unsere Räder aus. Mein Hinterrad blockiert, so viel Matsch und Gras hat sich an der Felgenbremse und zwischen Schutzblech und Rad verfangen. Ständig mache ich das Hinterrad frei.  Als wir das Licht am Ende des Waldes bereits sehen, machen wir Rast mit den kleinen Stimmungsaufhellern von Sabine und Heike.

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Kanäle: Ebene Wege und Rückenwind….
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Charolais-Rinder

Für 2 -3 kleine Katastrophen reicht der Vorrat noch.

Am Waldrand großes Reinigen, die Kettenschaltungen haben zum Glück so gut wie nichts abbekommen.

Dank 1a- Rückenwind machen wir am Nachmittag noch gut Kilometer am Canal du Central welcher die Saone mit der Loire verbindet.

 

Gemächlich steigt der Kanal an, um dann langsam in Richtung Loire wieder Schleuse um Schleuse abzufallen. Die Kanäle sind etwa 200 Jahre alt und werden heute allenfalls noch ein wenig für die Sportschiffahrt genutzt.

Die Industriebetriebe am Kanal sind  fast alle nur noch Ruinen oder haben schon bessere Tage gesehen. Auf der letzten Rückenwindwelle surfen wir noch bis nach 20 Uhr und bekommen bei Einbruch der Dunkelheit mit Müh und Not dank Werners Verhandlungsgeschick ein Quartier auf einem Camping. Es ist ein arg heruntergekommenes Mobilhome, das uns die Besitzerin erst gar nicht geben wollte.

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Wir hatten ein Dach über dem Kopf….

Für  uns reicht es, wir haben für zusammen 23€ ein Dach über dem Kopf und die Nacht im Schlafsack lässt sich trotz der frischen  3° C draussen auch ohne Heizung und Elektrizität gut aushalten.

Und als Gipfel des Luxus gibt es auf dem kleinen Camping sogar eine Waschmaschine zur allgemeinen Benutzung, so dass ich zu später Stunde noch einen Waschtag einlege.

Trotz aller Widrigkeiten sind wir über 100 km weit gekommen und morgen werden wir die Loire erreichen.

 

Im Herzen Frankreichs

19.04.   Das alte Mobilhome war nicht so prickelnd, aber wir hatten ein Dach über dem Kopf und waren vor der Kälte der Nacht geschützt.

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Frühstück bei +5°C

Das Frühstück nahmen wir im Freien ein, bei noch 5°C  und langsam wärmender Sonne, mit heissem Kaffee und am Vorabend bestellten Rosinencroissants. Herrlich.

Meine Wäsche trocknet in der Morgensonne nur leicht. Es ist noch kalt als wir starten. Mit Handschuhen und zusätzlicher Fleecejacke bin ich nicht overdressed.  Nach 20 km ein erster Halt und ein zweites Frühstück mit Baguette und Schinkensülze mit Petersilienkruste, einer Spezialität der Region.

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Schafe in der Bourgogne

Überall sehen wir die weissen Rinder auf der Weide, die Charolais-Rinder sind ebenfalls eine Spezialität der Region. Diese verhelfen den Bauern zumindest zu einem bescheidenen Wohlstand, während das Land sich in der Dauerkrise befindet.

Hier sehen wir keine Riesen-Maisfelder wie in anderen Regionen, statt dessen mittelgroße Parzellen mit Rindern, Schafen oder Pferden. Ein Paradies auf Erden.

 

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Die Kanalbrücke über die Loire bei Digoin

Überall Hecken, Baumreihen und Alleen am Kanal, entsprechend vielfältig ist die Tierwelt: ob Raubvögel, Fischreiher, Mönchsgrasmücke, Lerchen – Werner kennt sie alle und erkennt sie schon von weitem am Geräusch oder dem Schattenriss.
In Digoin erreichen wir die Loire, mit über 1000 km ist sie der längste Fluss Frankreichs.

Wir machen lange Mittagsrast in dem kleinen verschlafenen Städtchen und schauen uns das Informationszentrum am Fluss an. Innerhalb einer Stunde wissen wir alles zur Geographie, Ökologie, Wasserbau und zur Geschichte der Schiffahrt auf der Loire.

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Werner beim makeln

Die Böschung der Loire und die Sonne sorgen derweil für meine nun trockene Wäsche.

Wir fahren weiter am Kanal, der parallel zur Loire verläuft und wechseln erst auf ein altes Bahntrasse´ und dann in das leicht bergige Hinterland.

Hinter Bourbon-Lancy begeben wir uns auf Quartiersuche.

Zuerst finden wir ein belegtes Chambre d‘ Hotes, beim zweiten Versuch, als sich der Tag bereits bedrohlich dem Ende zuneigt, finden wir ein herrliches Quartier mitten auf dem Land, mit warmer Dusche, kleiner Küche und einem kühlen Bier – was will man mehr.

Der Sonntag  als Tag des Herrn sollte etwas ruhiger sein, am Ende waren es doch wieder 85 km.

 

Abschied von der Loire und den Kanälen

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Werner unterwegs

20.04. Nach einem leckeren Frühstück bei unserer Wirtin starten wir in den Tag. Wir kommen gut voran und überqueren ein letztes mal die Loire und steigen in das Hinterland auf.

Es geht wieder in das Landesinnere. Das Gelände wird abseits der Kanäle schwieriger. Werner hat aber in den letzten Tagen mächtig an Kondition aufgebaut, die häufiger werdenden Steigungen drückt er nun gut weg.

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Frühling in Frankreich

Werner und ich besuchen einen Markt. Der Käsehändler mit seinem Angebot ist eine Wucht. Wo sonst bekommt man bei uns solchen Käse als in Frankreich auf dem Wochenmarkt ?

Werner kauft  verschiedene Käsesorten ein. Jeder hat ein intensives Aroma. So ein Genusserlebnis kennen wir von unserem meist industriell hergestellten Käse (da mit pasteurisierter Milch hergestellt) nicht mehr.

Dazu ein frisches Baguette und einen Rotwein (gerne auch schon tagsüber). Also essenstechnisch sind die Franzosen uns meilenweit voraus !

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Kanalradeln ohne Helm

Gegen Abend wieder eine dieser unheimlichen Begegnungen: wir halten kurz an einer starken Steigung an um zu verschnaufen, eine alte Frau in einem Garten direkt neben der Strasse bemerkt uns, Werner kommt mit ihr ins Gespräch und kurz darauf werden uns zwei Panache´ und zwei Rosinencroissants herübergereicht – unglaublich.

Bald darauf finden wir eine Unterkunft für die Nacht. Wir übernachten bei einem Engländer in einem Bed and Breakfast für stolze 77 € das Doppelzimmer. Das Frühstück sollte auch noch extra kosten, doch Werner hat das wegverhandelt.

Das Gelände wird  schwieriger. 95 km und die 400 Höhenmeter sind aber noch erträglich.

 

Abschied von Werner

21. 04.    Wir schliefen gut in unserem Doppelzimmer. Ein wunderbarer Morgen mit warmen Licht und einem weiten Blick zum Loiretal hinunter erwartete uns. Das Frühstück war typisch englisch, mit fetter Wurst, dicken gebratenen Schinkenscheiben, Bohnen und fetttriefenden Spiegeleiern. Da mein Verdauungstrakt nicht ganz auf der Höhe ist, schiebe ich das fettige Essen zu Werner und esse statt dessen zwei Bananen.

Der Engländer möchte sein Bed and Breakfast verkaufen. Offenbar läuft es nicht wie erhofft.

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Leckker englisches Frühstück

Und da ist natürlich Werner als Makler zur Stelle. Nach dem Frühstück macht der reichlich Fotos im warmen Morgenlicht.

Als wir losgefahren sind,  erreicht Werner ein Anruf von zu Hause. Er muss heute dringend zurück. Seine Tochter kam gestern ins Krankenhaus.

Nichts Schlimmes, aber jetzt wird seine Anwesenheit zu Hause mehr denn je erwartet.

Der nächste Bahnhof ist Saint-Amand-Mondtraut, wo Werner im Laufe des späten Nachmittags den nächsten Zug in Richtung Dijon nimmt. Dort wird er dann übernachten und wird am nächsten Morgen im Elsass sein.

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Heute wieder Frankreich wie aus dem Bilderbuch

Wir hatten zusammen eine schöne Zeit die letzten Tage, nachdem wir uns fast 25 Jahre aus den Augen verloren haben. Wir sind gemeinsam fast 600 km gefahren, es gab viel zu erzählen und uns ist der Gesprächsstoff nie ausgegangen.

Werner hat mit seinen 62 Jahren in kurzer Zeit ordentlich Kondition aufgebaut. Die Radelei liegt ihm, immerhin ist er in jüngeren Jahren schon von Deutschland aus mit dem Fahrrad bis auf die Philippinen gefahren.

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Zimmer ohne Aussicht in La Chatre
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Der Klassiker in Frankreich: Rotwein, frisches Baguette und Käse

Ich fahre weiter durch die Auvergne. Rinder und Schafe werden seltener, das Land wird wieder flacher und Raps, Mais und Getreide wechseln sich ab.

Ich komme heute noch bis La Chatre. Eine Pilgerunterkunft finde ich keine, aber in der Stadt ein einfaches Hotel. Zum Abendessen gibt es auf einer Parkbank Rotwein, Käse und Brot.  Nach 100 km und 700 Höhenmetern ist der Hunger entsprechend. Morgen möchte ich bis Limoges kommen.

 

Der längste Tag – oder: ein Happy End dank Internet und Zweitakku

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Stempel für den Pilgerpass gab es keine, aber immerhin waren viele Kirchen offen wie hier in La Souterraine.

22.04.      Eigentlich waren es nur 101 km auf dem Navi bis Limoges.  Das Limousin hatte es aber den ganzen Tag in sich: nur bergauf und bergab. Es wurden immer mehr Kilometer. Ich fuhr und fuhr.

Limoges kommt nur langsam näher. Am späten Nachmittag ist La Souterraine erreicht.

Auch ein alter Etappenort auf dem Jakobsweg.  Ich nehme den Weg durch das Stadttor und gehe den alten Weg durch die Stadt hinauf zur Kirche, so wie es seit vielen Jahrhunderten die Pilger vor mir getan haben. Die Kirche ist hier zum Glück offen.

Dadurch dass ich Nebenstrassen fahre, waren es, als ich bei Einbruch der Dunkelheit Limoges erreichte, bereits 140 km und 1950 Höhenmeter. Aber ich hatte noch kein Quartier.  Da ich in der Regel nie weiss, wie weit ich komme, war ein Vorausbuchen nicht möglich oder zweckmässig.

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Gewalttour: bis hierher waren es bei Einbruch der Dunkelheit 145 km und 1900 Höhenmeter und ein Quartier war immer noch nicht in Sicht.

Mehrere Quartiere in der Stadt habe ich abgeklappert –  alles belegt. Auch auf dem letzten Wegstück bis in die Stadt sind mir keine Zimmerhinweise aufgefallen. Ich habe Gabi zu Hause angerufen, ob es nicht etwas im Internet gibt. Dann war der Akku meines Mobiltelefones leer.

Mittels Zweitakku (!)  habe ich wieder die Verbindung aufgenommen. Es gab noch ein Zimmer beim örtlichen Flughafen: 7,5 km bis dorthin, ein Klacks bei der bisherigen heute zurückgelegten Fahrstrecke – dachte ich.

Gabi bucht per Internet. Das Navi in meinem Mobiltelefon lotst mich durch die Stadt und durch Stadtteile, wo ich, obwohl schon ziemlich fertig, freiwillig noch einen Gang zulege. Dann stehe ich auf einem Autobahnzubringer. Ich suche mir selbst einen Weg, da das Navi nur für Autofahrer gestrickt ist.

Ich fahre die ganze Zeit bergauf. Dann, kurz vor dem Ziel, komme ich in einen zappendusteren Wald.  Das Navi und mein Fahrradlicht bringen mich wieder raus und ich sehe von weitem den kleinen Flugplatz. Ich finde das Hotel,  bekomme das gebuchte Zimmer und noch ein kaltes Bier dazu. Noch nie habe ich mich so auf mein Zimmer gefreut und mir ein Bier so sauer verdient wie heute.DSCF5929DSCF5930

Der Ort hier oben heisst übrigens Bellegarde – ich hätte also gewarnt sein müssen. Am Ende um 23 Uhr waren es 163 km und 2148 Höhenmeter. Das Fahrrad übernachtet mangels anderer Abstellgelegenheit heute bei mir auf dem Zimmer.

Ohne Gabi, Internet, den Zweitakku, das Navi und ein gutes Licht am Fahrrad hätte ich heute Nacht wohl unter einer Brücke geschlafen.

 

Auch das ist Frankreich

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Hauptstrasse von Oradour-sur -Glane

23.04.    Mit dem extra gebuchten Frühstück machte der Hotellier kein gutes Geschäft. Meine Depots sind nach der gestrigen unfreiwilligen Königsetappe  leer und ich esse und trinke wie noch nie.

Das Drama von gestern Abend hatte auch eine gute Seite. Da ich einen Besuch in Oradour- sur- Glane ohnehin eingeplant hatte, bin ich sozusagen schon auf der Höhe. Eigentlich wollte ich in Limoges einen Ruhetag einlegen und von dort aus Oradour-sur-Glane besuchen. Aber so ist das eben mit Plänen.

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Einsame Pilgerunterkunft mit gerade mal 4 Schlafplätzen.

Ich fahre noch etwa 20 km und erreiche den Ort und die Gedenkstätte. 1944 wurde dieser Ort von SS-Verbänden komplett niedergebrannt und 642 Einwohner zusammengetrieben und ermordet.  Der Ort wurde an dieser Stelle nicht wieder aufgebaut und ist heute eine nationale Gedenkstätte. Ich nehme mir die Zeit sowohl für das Dokumentationszentrum als auch für den Ort, bzw das was davon übrig ist.

Es ist erschütternd was sich hier, als die DSCF5941Allierten schon in der Normandie gelandet sind abgespielt hat. Nur wenige haben das Massaker mit viel Glück überlebt.

Viele Schulklassen besuchen mit mir den Ort und Gedenkstätte. Auch unser Bundespräsident war vor einiger Zeit hier.

Am frühen Nachmittag fahre ich weiter, überquere den Fluss Vienne. Das Limousin hält mich weiter in Atem. Eigentlich wollte ich in La Coquille übernachten, aber ich wurde mit meiner Quatiersuche bereits in dem kleinen Ort St. PiDSCF5942erre de Frugie fündig.

Hier gibt es etwas ausserhalb eine kleine von der Gemeinde betriebene Pilgerunterkunft. Sie ist verschlossen und einen Hinweis wo der Schlüssel zu bekommen ist, gibt es auch nicht. Ich fahre zurück in den kleinen Ort und frage mich durch, so wird mir dann doch noch aufgeschlossen.

Die Frau die den Schlüssel brachte meinte, dass es nun flacher wird. Immerhin waren es heute trotz auferlegter Zuückhaltung und dem Besuch in Oradour-sur-Glane 83 km und 900 Höhenmeter.

Die Unterkunft ist bescheiden, hat aber alles Erforderliche, sogar eine warme Dusche gibt es.

Foie Gras und Trüffel

Foie Gras
Feinschmecker zu sein kostet: „Foie Gras“ (125 g für 6,99 €), sowie auch noch ein Gläschen mit Trüffel (12 g für 6,99). – Was kostet eigentlich derzeit die Feinunze Gold?

24. 04.     Das Frühstück fällt karg aus und besteht aus alten Brot, einem Stück Käse und einem Apfel. Kein Kaffee, nur Wasser. Ich werfe den Schlüssel wie vereinbart in der Marie ein und fahre in den nebligen Morgen.

Es ist eine Stimmung wie im Frühherbst. Ich fahre wieder auf meinen kleinen Sträßchen durch das Perigod, folge lange einem ebenen Flusstal, bis ich über einen kleinen Pass endlich Thivers (Hauptstadt des Foie Gras) erreiche. Aus den 26 direkten Straßenkilometern werden 35 km.  Ein Drittel Aufschlag ist der normale Tarif um von den Hauptstraßen weg zu sein.

Endlich bekomme ich hier meinen verspäteten (Morgen-)Kaffee. Ich besuche in Thivers das Museum zum Thema Gänsestopfleber (was es nicht alles gibt). Gänsestopfleber ist eine französische Spezialität. 75 % der Weltproduktion stammen aus Frankreich und fast so viel wird auch hier verbraucht, wie ich im Museum lerne.

DSCF5952Die Gänse die hier in der Region herumlaufen, scheinen auch speziell auf diesen Zweck hin gezüchtet zu sein.

Ich fahre auf Nebenstrassen weiter nach Sorges (Hauptstadt der Trüffel). Wie in Thivers werden auch hier zu gesalzenen Preisen entsprechende Spezialitäten für den Feinschmecker  angeboten.

Es ist nun nicht mehr weit bis nach Perigeux und dort suche ich die Kathedrale auf.

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Mal wieder am Scheideweg, nehme ich den (Jakobs-) Weg oder die (Teer-) Straße ?

In Frankreich einen kirchlichen Stempel für den Pilgerpass zu bekommen ist fast aussichtslos.

Die Kirchen auf dem Land sind zudem oft verschlossen. Die Trostlosigkeit der französischen Diaspora zeigt sich in den Aushängen an den Kirchen, auf den ersichtlich ist, dass manchmal nur einmal im Monat eine heilige Messe ist. Immerhin ist die Kathedrale offen.

Pfarrbüros kennt man in Frankreich anscheinend auch nicht. Aber in den allgegenwärtigen Touristenbüros bekommt man fast immer einen Stempel und so lässt sich die Fahrt lückenlos dokumentieren, wenngleich in Santiago streng genommen nur die letzten 200 km genau unter die Lupe genommen werden.

Kathedrale von Perigeux (UNESCO-Weltkulturerbe)
Kathedrale von Perigeux (UNESCO-Weltkulturerbe)
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Die Kathedrale innen

Ich komme heute noch fast bis Mussian. Es ist bereits nach 18 Uhr und ich sehe ein kleines Hinweisschild am Strassenrand.  Und finde bei netten alten Leuten ein schönes Gästezimmer.

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Antikes Zimmer in Mussian

Die Frau war einmal Antiquitätenhändlerin in Brüssel. Entsprechend sieht das alte Bauernhaus aus.

 

Alles ist sehr geschmackvoll eingerichtet. Mein Zimmer (ich bin auch hier der einzigste Gast) sieht aus wie das Schlafzimmer meiner Urgrosseltern.

Ein wenig komme ich mit meinen netten Gastgebern noch ins Gespräch bevor sich der Tag dem Ende zuneigt.

Morgen früh bin ich dann bereits 2 Wochen unterwegs und habe 1300 km zurückgelegt.  Das Wetter war bislang fast durchgängig gut.

Ich bin trotz aller Anstrengungen (heute war ich 119 km und 960 Höhenmeter unterwegs) bei bester Gesundheit, das Fahrrad rollt ohne Probleme, das Essen ist gut, die Stimmung ebenfalls.

 

Jeden Tag eine gute Tat

DSCF601525. 04.    Ich helfe heute einer Schildkröte über die Straße die sonst sicher überrollt worden wäre.

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Trostlosigkeit in den Städtchen auf dem Land, wie hier in Mussidan. Selbst der Immobilienhändler ist pleite, obwohl es reichlich Leerstände zu verkaufen gäbe. Die Frage ist nur an wen.

Es regnet die ganze Nacht. Meine Abfahrt verzögert sich ein wenig, aber der Regen wird immer weniger.

Dank mobilem Internet ist der moderne Pilger immer gut informiert und auf dem Regenradar ist die Regenfront fast schon durch.

Ich erreiche bald Mussidan. Der Ort strahlt die pure Trostlosigkeit der französischen Provinz aus.

Die letzte Fabrik hier, die Ausrüstungsteile für das Militär hergestellt hat, machte letztes Jahr dicht, erzählte mir die Vermieterin beim Fühstück.

Die Fahrt führt wieder durch sehr arme Gegenden, wo der Verfall und die Landflucht spürbar sind. Meist sind  – falls vorhanden gewesen-  die Fabriken geschlossen und verfallen, oder die Standard- Landwirtschaft wirft bei den aktuellen Erzeugerpreisen nichts ab, so dass auf Substanz gefahren wird.

Tourismus gibt es auch keinen, dafür hat die Gegend nichts zu bieten. In den kleinen Städtchen durch die ich fahre sieht es nicht besser aus, die Krise ist hier überall mit Händen zu greifen.

Bei Port-St-Foyan erreiche ich die träge dahin fließende Dronne. Erste Weinberge, und bald ist die ganze Gegend dominert vom Weinanbau. Die D20 hat hier lange flache Anstiege und lange flache Abfahrten- ein Genuss.

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Immer näher an der Garonne – überall jetzt Wein und etwas Wohlstand.

 

Ich komme jetzt in das Bordeaux, überall wird nun Wein angebaut. Die Gegend ist spürbar wohlhabender, kein Verfall und Landflucht wie noch 50 km vorher.  Schmucke Anwesen und Hinweisschilder auf Chateaus überall. Noble deutsche Autos fahren herum.  Vor La Reole fällt das Gelände flach ab zur Garonne.

Nachdem ich die Garonne bei La Reole überquert habe und der Tag sich dem Ende zuneigt, mache ich mich um 18 Uhr auf Quartiersuche.  Ich fahre aber noch etwa 15 km ohne einen Quartierhinweis. Nach längerem Suchen und Fragen werde ich dann in Auros auf die Pilgerherberge der Gemeinde verwiesen.

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In Frankreich geht ohne die Michelin-Kartenblätter in 1 : 200’000 gar nichts. In Spanien reicht dann der Reiseführer für den Jakobsweg.

Ich finde zwar das örtliche Chateau, aber bringe das aber zuerst nicht mit der Pilgerherberge in Verbindung. Die Ausschilderung ist in Frankreich wieder einmal fehlend bis irreführend und ein Thema für sich. Es braucht immer ein wenig Phantasie, Nachdenken und Nachfragen um zum Ziel zu kommen.

Auch eine zweite Meinung einzuholen bewahrt vor manchen Irrwegen. Manchmal kennen Leute nicht einmal den Weg zum nächsten Ort und zeigen dann aus Höflichkeit in irgend eine, meist falsche Richtung. Und ordentliches Kartenmaterial ist unerlässlich, da auch die Ausschilderung des Jakobsweges bisweilen immer wieder aussetzt.

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Das Chateau im Abendlicht

Ich übernachte also heute in einem echten Chateau, wo die örtliche Pilgerherberge (in einem Nebentrakt) untergebracht ist. Pilger sind immer noch rar, ich habe heute unterwegs keinen einzigen Pilger getroffen.  Anscheinend starten die meisten erst am Fuß der Pyrenäen.

Heute waren es wieder über 100 km und 950 Höhenmeter. Morgen soll es endlich flacher werden.

Regentag

26. 04.   In der Pilgerherberge im Chateau gab es leider kein Frühstück, aber ich hatte noch Brot vom Vortag und Käse. Heute morgen der erste nennenswerte Regen, der mich mit Mühe zuerst nur bis Bazas kommen lässt. Ich besuche in Bazas den Sonntagsgottesdienst.

Da sich mittlerweile Dauerregen eingestellt hat, bleibe ich in Bazas am Platz vor der Kathedrale und trinke unter den Arkaden endlich meinen Morgenkaffee, obwohl es bereits Mittag ist. Ich fahre am frühen Nachmittag, als es etwas aufklart weiter, komme aber nicht weit. Nach einer Stunde fahre ich direkt in eine Gewitterfront. Ich schaffe es gerade noch bis Captieux in die Ortsmitte, dann geht ein heftiges Gewitter nieder.

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Kurz vor dem Unwetter in Captieux

Praktischerweise ist hier die einzige Unterkunft weit und breit, die sich auch noch Hotel nennt. Ich übernachte mangels Alternativen hier.

Eine Wahl habe ich nicht wirklich, im Umkreis von 25 km gibt es in dieser dünn besiedelten Gegend keine Quartiere, sagen jedenfalls meine Unterlagen und Hinweisschilder habe ich auch keine gesehen.

Alles ist in meinem „Hotel“ arg heruntergekommen, aber es bleibt mir keine Wahl. Das Bett ist halbwegs sauber und die Dusche warm, über den Rest lege ich den Mantel des Schweigens bzw fasse es nur mit spitzen Fingern an. Lange wird das „Hotel“ in dieser gottverlassenen Gegend nicht mehr durchhalten.

Es regnet die ganze Nacht. Regen prasselt an mein Fenster. Ich bin jetzt endlich in der Ebene (Les Landes). Die letzten Tage hatten es in sich. Heute bin ich nur 40 km weit gekommen, aber es ist Sonntag und das reicht.

 

Die Ebene

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Wildwechsel der vergangenen Nacht – Mahnung die entsprechende Vorsicht und Aufmerksamkeit walten zu lassen.

27.04.   Das Frühstück ist für französische Verhältnisse ok, aber das Marmeladencroissant wird nicht weit reichen.

Ich mache mit leichtem Rückenwind gut Kilometer und bin in anderthalb Stunden im 30 km entfernten  Roquefort.

Dieser Ort hat nichts mit dem gleichnamigen Käse zu tun, wenngleich meine Füsse mit selbigen es am Ende des Tages aufnehmen könnten.

 

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Bolzengerade und einsam durch die Ebene
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Die Kirche von Roquefort, von aussen unscheinbar, doch mit langer Geschichte

Diese Ebene war früher bei den Pilgern gefürchtet, da sie menschenleer und mückenverseucht war. Zu Fuss dauert die Durchquerung 2 – 3 Tage.

Erst Roquefort war so etwas wie ein erster Aussenposten der damaligen Zivilisation.

Die alte Kirche in Roquefort gibt innen und aussen stilles Zeugnis ab von den Pilgern die hier in den letzten Jahrhunderten Station machen konnten.

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Auch das gehört dazu: abwettern eines längeren Regenschauers
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Weniger als 1000 km….

Hinter Roquefort muss ich mich wegen eines Platzregens fast 2 Stunden unterstellen. Die Wetterfront war angekündigt und es waren schon den ganzen Morgen graue und dunkelgraue Wolken zu sehen. Immer wieder schaue ich mich während der Fahrt vorbeigend nach Unterstellmöglichkeiten um, denn es sind 20 l/ m2 angekündigt.

 

 

Und es war gefühlt noch mehr. Am Nachmittag komme ich wieder gut voran.  Ich treffe die ersten Pilger vor Mont-de-Marsan.

Nach Mont-de-Marsan erreiche ich eine Wegmarke, die anzeigt dass es nun noch 1000 km bis Santiago di Compostela sind.

Gegen Abend erreiche ich spät Hagetmau, wo ich mangels Pilgerunterkünften im örtlichen Gasthof übernachte.

Kein Vergleich zu gestern, bei gleichem Preis ist dieses Mal alles vom Feinsten. Leider haben hier am Ort alle Läden am Montag geschlossen und auch der grosse Supermarkt an der Peripherie hat schon geschlossen als ich ankomme.

Ausgehungert und ohne nennenswerte Vorräte finde ich ein vietnamesisches Lokal und bekomme dort noch etwas zu essen.

Meine Notschokolade muss aber heute noch dran glauben. Wie immer schlafe ich schnell ein und schlafe gut durch.

Kein Wunder, heute waren es 105 km und (trotz Ebene am Morgen) über 1000 Höhenmeter. Aber die Pyrenäen habe ich noch vor mir.

 

Pyrenäen in Sicht

28.04.   Über Nebenstrassen erreiche ich gegen Mittag Orthez, wo ich in einem Strassencafe zu Mittag esse. Bis hierher war heute alles harmlos. Der Jakobsweg ist jetzt meist gut ausgeschildert, doch hier zeigt sich das Problem des Radpilgers: der Jakobsweg ist ein Weg und nur manchmal nutzt er Strassen.

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Die Flüsse sind hier im Süden randvoll. Es hat in den vergangenen Tagen offenbar reichlich geregnet.
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Die alte Brücke in Orthez. Ohne Brücken waren die Flüsse früher fast unüberwindbare Hindernisse.

Schöne Waldwege sind ein Genuss für den Wanderer, für den Radler ist an vielen Stellen aber kein Durchkommen.

Immer wieder probiere ich mein Glück, aber manchmal muss ich umdrehen. Ich nehme daher meist die unterste Kategorie Strassen und fahre daher oft erhebliche Umwege.

Erstmals sehe ich ehrfurchtsvoll in der Ferne die Pyrenäen sich erheben.  Ich bin jetzt im Vorland der Pyrenäen angekommen.

Das Wetter ist mir wohlgesonnen, Sonne, Wolken, trocken. Ab und zu treffe ich einige den nun häufiger anzutreffenden Fußpilger.

Nach Orthez erreiche ich L‘ Hopital d‘ Orion und komme an einem alten Pilgerhospital vorbei. Auch schon in früheren Jahrhunderten war für den Pilger eine Infrastruktur im weitesten Sinne vorhanden. Entsprechende Herbergen und Hospitäler wurden von der Kirche oder von Klöstern und Ordensleuten unterhalten.

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Ende Gelände auf dem Jakobsweg- zumindest für den Radler. Das Bächlein auf dem Weg gibt es als Zugabe.

Aber das ist kein Vergleich zu heute: ein dichtes Netz von Unterkunftsmöglichkeiten aller Art, alle Versorgungsmöglichkeiten, Geldautomaten, Mobiltelefon und fast überall mobiles Internet, medizinische Versorgung wenn immer nötig, sogar an einigen Fahrradläden bin ich vorbeigekommen (aber das ist ein Thema für sich). Alles ist fast überall verfügbar.

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Ruhepause mit Radlergedeck am Nachmittag

Das Pyrenäenvorland hat es in sich, die Strassen kennen hier nur zwei Zustände: steil bergauf oder steil bergab, so dass ich mir schon langsam Sorgen um meine Bremsbeläge machen muss, da die mühsam erreichte Höhe meist gleich wieder weggebremst wird.

In St. Palais decke ich mich mit allem Notwendigen ein: Bananen, Äpfel, Schokolade, Brot, Käse. Meine Trinkflaschen fülle ich jeden Morgen mit Leitungswasser auf, das reicht über den Tag, so fahre ich maximal nachhaltig noch immer noch mit der ersten Plastikflasche.

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„Stein von Gibraltar“ im Pyrenäenvorland bei Ostabat

Bei Ostabat komme ich am „Stein von Gibraltar“ vorbei. An dieser Stelle vereinigen sich drei französische Pilgerwege und führen über St. Jean-Pied-de-Port über den Ibaneta-Pass nach Spanien.

Ich fahre heute noch so weit wie möglich Richtung St. Jean-Pied-de-Port und finde in Ostabat am Ortsrand eine Pilgerunterkunft: Schlafsäle mit 8 Personen, Pilgermenue und Frühstück inklusive für 35 €.

Warme Duschen sind hier wie überall Standard. Keiner muss heutzutage seine Mitmenschen mit den Gerüchen, die sich im Laufe des Tages von 4711 nach 4712 oder auch 4713 verschieben, unnötig traktieren. Der reichliche Einsatz von Weihrauch in den Kirchen hatte früher neben zeremoniellen auch seine handfesten olfaktorischen Gründe…

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Ostabat – geschichtsträchtiger Ort am Jakobsweg (die Beschilderung ist zweisprachig – wir sind im Baskenland)

Wie bei Pilgerherbergen oft üblich wird das Essen gemeinsam eingenommen.

Ein älterer baskischer Herr (wir sind hier im Baskenland), selbstverständlich mit Baskenmütze, sorgt mit allerlei baskischem Liedgut für die musikalische Unterhaltung der 12 Pilger. Es ist früh Nachtruhe, alle sind müde vom Tage.

Der Fusspilger muss sein Gepäck (10- 12 kg) auf dem Rücken tragen, dies entfällt beim Radpilger, ausser an Steigungen, dort tritt das Gepäck  einschließlich des Fahrrades in Erscheinung.

Dafür legt der Radpilger die drei- bis vierfache Strecke pro Tag zurück und hat damit entsprechend viel mehr Höhenmeter auf dem Buckel. Am Ende des Tages sind beide Fraktionen gleich erledigt.

 

Spanien

29. 04.   Der Tag beginnt wie befürchtet früh. Ab 6: 30 Uhr ist grosse Unruhe und allgemeines Kruschteln in den Rucksäcken. Um 7 Uhr ist Frühstück oder besser das was die Franzosen dafür halten. Ich bin der letzte beim Frühstück, um 7:30 Uhr sind alle Fusspilger bereits auf der Piste.

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Wenn wir schon auf dem Jakobsweg sind passend dazu die heilige Trinität des ausgeglühten Radlers: Orangina (schon verdampft), carafe d’eau und ein grand cafe creme (vulgo Radlergedeck)

Irgendwie ist das noch nicht kompatibel mit meinem bisherigen Tagesablauf. Ich werde mich wohl bald der Mehrheit anschliessen müssen. Als Letzter breche ich auf und merke wie einige zu Fuss schon schon richtig weit gekommen sind. In dem steigungsreichen Gelände ist der Vorteil des Fahrrades gering.

Ich schiebe bei längeren Steigungen, wenn diese 5 % und mehr haben. Den Rest darunter drücke ich mittlerweile gut weg. Ich fahre auf der Hauptstrasse, die aber einen komfortablen Seitenstreifen hat.

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Blick auf die alte Pilgerbrücke

Im Laufe des Vormittags  bin ich in St. Jean-Pied-de-Port, besuche die Zitadelle, ergänze die Vorräte, gehe zur Post und Bank und trinke mein Radlergedeck (Orangina, Karaffe mit Wasser (kostenlos in Frankreich) und einen grand cafe creme).

Danach stimmt der Flüssigkeitshaushalt wieder und anscheinend sind irgendwelche Stimmungsaufheller auch noch mit drin.

Ich beobachte dutzende Pilger die gerade vom Bahnhof kommen und zielstrebig zu ihren gebuchten Unterkünften unterwegs sind. Sie übernachten heute im Ort und werden morgen über den Pass gehen. St. Jean-Pied-de-Port ist der klassische Startpunkt für den Camino. Zu Fuss sind es ohne Ruhetage ab hier etwa 35 -38 Tage bis Santiago de Compostela.

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Ab St. Jean Pied-de-Port sind es 35 Tage zu Fuß bis Santiago

Ich vespere noch ordentlich und nehme dann die fast 900 Höhenmeter zum Pass am Nachmittag in Angriff.

Viele Pilger treffe ich um diese Uhrzeit nicht mehr. Ausserdem führt die klassische Pilgerroute nicht über die heutige Passstrasse, sondern führt durch den Wald und hat beim Col de Lepoeder einen Scheitelpunkt von 1437 m.

Mein Weg führt erst einige Kilometer flach durch ein Tal. Hier wird eher unspektakulär bereits die Grenze nach Spanien erreicht. Danach beginnt die Rampe mit durchgängig 5 – 7 % Steigung zum Pass hinauf. Ich schiebe daher für fast drei Stunden das Rad die wenig befahrene Passstraße hoch. Nur drei Pilger habe ich sozusagen als Lumpensammler aufgegabelt.

Die Passhöhe der Strasse liegt auf 1058 Metern Meereshöhe und ist der flachste Pyrenäenübergang. Entsprechend strategisch wichtig und umkämpft war dieser seit der Römerzeit. Auf der Passhöhe treffe ich ein deutsches Radlerpärchen, das von Malaga aus gestartet ist und noch bis an den Polarkreis in Nordschweden kommen will. Mein heutiges Tagesziel  ist dagegen schon ganz nah. Das Kloster Roncesvalles ist nach knapp 2 Kilometern Abfahrt nach der Passhöhe erreicht.

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Das Kloster Roncesvalles tief in den Pyrenäen

Dieses Kloster hat eine lange Geschichte und war und ist die einzige und damit wichtigste Unterkunftsmöglichkeit beim Pyrenäenübergang. Es sind bereits schätzungsweise gut 100 Pilger aus aller Herren Länder hier, ich bekomme aber problemlos einen Platz, offenbar ist man hier auf noch wesentlich stärkeren Andrang eingerichtet.

Für 8 € bekomme ich einen Platz im Massenlager.  Auch für mein Fahrrad findet sich heute ein Plätzchen. Alles ist von den holländischen Freiwilligen wohl organisiert. Die meisten Pilger sind wohl schon deutlich früher angekommen, sind frisch geduscht und sitzen im Innenhof. Auch ich geselle mich dazu und komme alsbald mit Wim, einem Holländer ins Gespräch. Nach einer ganzen Weile stellt sich heraus, dass er für Siemens arbeitet. Ich versuche meine Identität geheim zu halten, aber nach einer Weile muss ich dann doch Farbe bekennen und er staunt nicht schlecht, dass wir Kollegen sind.

Er gibt mir einen Tipp: für 2,70 € kann man den Waschservice in Anspruch nehmen. Man bezahlt, legt seine Wäsche in ein Plastikkistchen und gibt dieses zusammen mit der Nummer seines Bettes ab.

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Massenlager im Kloster Roncesvalles

Und für 10 € buche ich das Pilgermenue dazu.  Frühstück gibt es leider keines, aber auch das wird sich morgen finden.

Nach dem Abendessen schaue ich in der Waschküche nach meinem Kistchen mit der nassen Wäsche. Ich fage einen der Holländer. Der fragt nur zurück ob ich schon auf meinem Bett geschaut habe: tatsächlich, da liegt mein Wäschestapel, gewaschen, getrocknet und zusammengelegt. Ich kann mein Glück kaum fassen und bedanke mich herzlich für diesen unerwarteten Service.

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Oben am Ibaneta-Pass

Alles ist wieder gut geworden. Und alles fügt sich auch heute wieder auf wundersame Weise. Ich bin nach einem anstrengenden Tag sozusagen über dem Berg und in Spanien.

 

Pamplona

30.04.   Ich habe schlecht geschlafen, obwohl ich nach so einem Tag genug Bettschwere hatte. In einem Massenlager gibt es immer irgendwelche Deppen die am Abend kein Ende finden. Dann solche, die in der Nacht eine schwache Blase haben und dann die Übereifrigen, die bei völliger Finsternis am Morgen vor dem Wecken anfangen ausgiebig rumzukramen. Dazu eine Türe in zwei Meter Entfernung deren Scharniere schon länger keine Ölung mehr bekamen. Kurzum: an eine richtige Nachtruhe war nicht zu denken.

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Der zünftige Pilgerschar startet im Morgengrauen von Roncesvalles aus.

Um sechs Uhr kam der Freiwilligendienst und weckte alle anderen, die noch nicht wach waren.

Dass auf holländisch geweckt wurde, machte die Sache auch nicht einfacher.

Da es kein Frühstück gab, leerte sich das Refugio in kürzester Zeit. Nur zwei Fahrradpilger bei etwa 100 Pilgern – ein Ire und ein Irrer – nämlich ich.  Bei Dunkelheit rolle ich bei + 2 Grad Celsius von Roncesvalles aus ins Tal und habe die wandernde Pilgerschar schnell hinter mir gelassen. Für sie sind es zwei Tagesmärsche bis Pamplona.

Es fängt an zu dämmern und ich erlebe hinter mir einen wunderbaren Sonnenaufgang über den Pyrenäen. Dass ich völlig durchgefroren bin, macht mir jetzt nichts aus.

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Blick zurück auf die Pyrenäen bei Sonnenaufgang

Jetzt habe ich auch wieder ein Mobilfunknetz, so abgelegen liegt das Kloster in den Bergen. Ich rufe endlich zu Hause an.

Ich fahre am frühen Morgen fast 30 Kilometer bis ich eine offene Bar finde und dort etwas essen kann. Spanien: endlich Boccadillos mit Schinken,  Zumo de naranja  und cafe con lecche.

Dann, frisch gestärkt, noch einmal einen Pass mit 200 Höhenmetern hoch. Jetzt ist mir nicht mehr kalt. Von nun an geht es bis Pamplona bergab, so dass ich bereits gegen Mittag dort bin und mich auf Quartiersuche begebe.

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Auf dem Weg nach Pamplona abseits der Strasse. Viel schneller als die Fusspilger bin ich nicht, und wegklingeln wäre unhöflich.

Der Rest des Tages ist Ruhetag in Pamplona. Trotz der schlechten Erfahrung mit dem gestrigen Massenlager, buche ich in der Innenstadt mich im örtlichen Refugio ein. Für 8 € muss man Kompromisse eingehen. Bereits kurz nach meiner Ankunft um 13 Uhr sind die 68 Plätze belegt. Ich besuche am Nachmittag die Kathedrale und das dortige Museum. Dann gehe ich durch die Straßen der Altstadt. Hier werden also die Stiere alljährlich durch die Gassen getrieben.

Auf dem zentralen Platz im Zentrum setze ich mich auf einer Bank in die Sonne, komme zur Ruhe und lasse die letzten fast drei Wochen vor meinem geistigen Auge passieren.

Sogar PC’s  mit Internetanschluss (gebührenpflichtig) hat es hier in der Unterkunft, so dass ich am Blog weiterschreiben kann. Nur der Bilderupload aus der Kamera klappt leider nicht. Der Blog bleibt vorerst ohne Bilder.

Keine Experimente

01.05.    Um 06:15 Uhr stand ich in Pamplona vor der Pilgerherberge und war bereits einer der letzten die sich auf den Weg machten. Der Weg aus Pamplona heraus ist mit Bodenmarkierungen gut in der Dunkelheit erkennbar.

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Keine dunklen Gestalten, sondern Pilger die sich nach 6 Uhr morgens durch die noch schlafende Stadt bewegen.
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Oben am Alto del Perdon

Frühstück: keines.

Ich fahre heute auf dem Pilgerweg zum Pass. Nur wird dieser Weg hinter Pamplona immer schmaler, steiler und steiniger. Das passende Schuhwerk habe ich auch nicht, und dass es leicht genieselt hat macht die Angelegenheit nicht einfacher.

An Fahren ist schon längst nicht mehr zu denken.

Ich schinde das Rad die bis zu 16 % Steigung hinauf zum Pass (Alto del Perdon) und schwöre mir von nun an auf der Strasse zu fahren. Die grandiose Aussicht zurück hinunter  nach Pamplona entschädigt dann ein wenig.

Nach der Abfahrt auf der völlig leeren Strasse vom Pass hinunter kehre ich in einer der zahlreichen Bars am Wegesrand zum Frühstück ein. Die Pilger-Infrastruktur lässt in Spanien nicht zu wünschen übrig. Alles ist überall verfügbar.

Verdursten und verhungern war gestern. Ich fahre durch grandiose Landschaften auf Strassen mit einem De-luxe Seitenstreifen.

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Auf der Puente la Reina
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Puente la Reina – eines der Wahrzeichen des Jakobsweges

Ob der wenige Verkehr der parallel verlaufenden Autobahn oder dem 1. Mai geschuldet ist, wird sich noch herausstellen.

Ich komme nach Puente la Reina. Die dortige Brücke ist eines der Wahrzeichen des Camino.

Die Brücke aus dem 12. Jahrhundert steht stellvertretend für den damals in Nordspaniene betriebenen Brücken- und Strassenbau um den Weg nach Santiago zu erschließen. Strukturpolitik oder Zonenrandförderung würde man so etwas heute nennen. Denn Spanien war zu großen Teilen immer noch in der Hand der Mauren.

Nach dem Alto del Perdon am Morgen ist die heutige Etappe  eher unspektakulär, sieht man von den immer wieder auftauchenden grandiosen Landschaftsbildern ab.

Ich komme heute bis nach Sansol. Der Gegenwind auf den letzten Kilometern hat mich fertig gemacht. Ich treffe in der dortigen Pilgerunterkunft am Ortseingang mehrere Radpilger die von Holland und Deutschland aus aufgebrochen sind.

Mit Heinrich (er startete in Le Puy in Frankreich mit dem Rad und wird in Santiago seinen 70. Geburtstag feiern) unterhalte ich mich den ganzen Abend. Es sind solche Begegnungen die das Salz in der Suppe des Pilgerns sind, wenn man sich mit wildfremden Menschen derart intensiv unterhält.

Und was unverkennbar ist: es sind Menschen mit den unterschiedlichsten Motiven auf dem Camino.  Nicht nur um Gott nahe zu kommen, auch um wenigstens auf Zeit einmal Abstand zum bisherigen Leben zu bekommen, nachzudenken, sich nach persönlichen, familiären oder beruflichen Brüchen zu sammeln und sich auch neu zu orientieren.

Nach 84 km und 1220 Höhenmetern ist heute Schluss.

Muli Radler sind auch unterwegs

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Logrono vor der Kathedrale: so kann man sich auch quälen: mit Fat-Bike und Nachläufer

02.05.  Als um kurz nach 5 Uhr wohl eher versehentlich ein Wecker hochging, kam es zu einigen unfreundlichen Äusserungen in mehreren Sprachen.

International ist die Zusammensetzung auf dem Camino: Spanier, Deutsche, Franzosen, Italiener usw, aber überraschend viele Japaner, Koreaner und Amerikaner machen den Camino.

Bei den Radlern findet sich manch Aussergewöhnliches, so das polnische Paar mit einem einjährigen Baby im Anhänger, einem spanischen Paar das sich auf Klapprädern quält oder zwei Italiener mit Fat- Bike und Anhängern. Was manche an Gepäck mitschleppen grenzt an Selbstkasteiung – wir sind ja auf dem Jakobsweg.

Allerdings habe ich auch zu viel eingepackt, der unnötige Ballast hält sich aber in Grenzen. Spruch des Tages: Gewicht = Angst

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Landschaft vor Logrono

Trotzdem merke ich jeden Tag aufs Neue, mit wie wenig man auskommen kann.

Die Radfahrer aus der Pilgerherberge brechen heute gegen 8:30 Uhr nach ausgiebigem Frühstück und jeder für sich auf. Die Fahrt führt mich heute über Logrono durch das Anbaugebiet des Rioja bis nach Redecilla del Camino. Die Strecke ist angenehm zu fahren.

Ich unterlasse Ausflüge auf den parallel zur Straße verlaufenden Pilgerweg, denn ich habe einen De-luxe Seitenstreifen, die Straße ist dreispurig ausgebaut und daneben führt auch noch die Autobahn entlang.

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Auch solche Konstruktionen finden sich
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Mit Kind und viel Gepäck

Während einer Stunde überholt mich gerade mal ein Auto und ein Traktor (ich freue mich über so wenig Verkehr, aber hier wurde reichlich EU-Geld versenkt).

Wenn ich wissen will, wo der Jakobsweg genau verläuft, lasse ich den Blick in die Landschaft schweifen.

Dort wo die Ameinsenstrasse verläuft, da befindet er sich.

Ein sanfter Rückenwind schiebt mich gegen Abend. Als dieser aber aprupt die Richtung wechselt und zum giftigen Gegenwind mutiert, beschließe ich nach 82 km und 1220 Höhenmetern den  Tag auf dem Rad zu beenden.

Die heutige Pilgerunterkunft ist einfach und mit 5 € sehr preisgünstig. Rioja liegt hinter mir und wie ich erfahre, darf hier in Kastilien nicht mehr verlangt werden. Das abendliche Essensangebot des Wirtes nehm ich gerne an und er kann über den sehr knappen Zimmerpreis noch etwas am Essen und Trinken verdienen.

In dem Achterzimmer geht es eng und stickig zu. Ich frage mich wie stickig es hier erst im Hochsommer ist.

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Viel Steine gab es, aber guten Wein..

Im Innenhof der Unterkunft, wo man abends zusammen kommt, lerne ich Torsten aus Hamburg kennen.

Er hat fertig studiert und ist seit Anfang April von Hamburg bis hierher mit dem Fahrrad unterwegs. Auch mit einem Franzosen komme ich ins Gespräch.

Er ist von zu Hause aufgebrochen und kam auch über die Via Lemoviciensis nach Spanien – wie sich Bilder und Geschichten dann doch recht ähnlich sind !

 

Bis Burgos

03.05.    Die Herberge war nun wirklich nicht so toll. Aber was will man für 5 € erwarten (mehr darf in dieser Region nicht verlangt werden). 5 Doppelstockbetten in einem kleinen Raum, nicht einmal das Gepäck können alle im Raum unterbringen. Bereits um diese Jahreszeit und bei erträglichen Aussentemperaturen ist es im Raum unerträglich stickig. Wie ist das hier erst im Hochsommer ?

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Die Kathedrale von Burgos innen

Wie so oft war ich am Morgen einer der letzten und ich ging ohne Frühstück auf die Piste. Der heftige Gegenwind lässt mich fast zum Stillstand kommen. Um halb 11 Uhr kehre ich ein und treffe einen Fusspilger aus der Herberge, der bis dahin die 20 km zu Fuss seit 6 Uhr zurückgelegt hat.

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Kathedrale von Burgos

 

 

 

 

 

Ich überquere danach einen Pass mit 250 Höhenmetern schiebend und gegen den Wind, und auch den Rest des Tages lässt der Wind nicht nach.

Fahrziel heute ist Burgos. Keine Frage, zuerst besuche ich die Kathedrale, einer der Höhepunkte dieser Reise. Die Kathedrale ist nicht umsonst UNESCO Weltkulturerbe.

Tief beeindruckt von dem Gesehenen mache ich mich auf Quartiersuche.

Von Massenquartieren habe ich heute die Nase voll, der Gegenwind hat mir den Rest gegeben. Ich habe Glück und bekomme ein günstiges Zimmer mit Blick auf die Kathedrale. Der Luxus des eigenen Bades kontrastiert mit der Enge und Einfachheit der letzten Tage. Das Fahrrad kommt heute im Keller unter.
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Ein festgefahrener Italia-Express oder fango terribile

04.05.   Endlich wieder aufstehen nach eigenem Gutdünken und es gibt ein Frühstück das diesen Namen auch verdient. Um 9 Uhr drehe ich noch eine Runde vor der Kathedrale. Leider war gestern keine Messe mehr. Bei der Ausfahrt aus der Stadt überrunde ich auf den ersten 10 Kilometern mindestens 100 Pilger die sich von Burgos aus auf den Weg gemacht haben.

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Noch sieht alles normal und harmlos aus…..

Ich fahre den Pilgerweg entgegen gegenteiliger Schwüre von vorgestern, einerseits weil er als gut fahrbar beschrieben wurde, weil die N120 einen Umweg darstellt und ich in Grossstadtnähe nicht auf der Strasse fahren will.

Ich werde es an diesem Tage noch bereuen, denn der Regen der Nacht hat den Camino, als er weitab jeglicher Strasse von einem gut fahrbaren Weg zu einer Erdpiste wurde, zu einer Matschpiste werden lassen.

Bald schon blockiert das Hinterrad und alles ist mit feinem, braunem Matsch zugeschmiert. Zum Glück gab es im nächsten Ort einen öffentlichen Wasserschlauch und ich konnte das Rad wieder flott bekommen.

Auf der Teerstrasse traf ich das italienische Paar wieder denen ich in Logrono die Adresse des dortigen Fahrradladens nennen konnte.
Die beiden machen mit leichtem Rückenwind ordentlich Tempo und ich fahre als Trittbrettfahrer mit dem Italia- Express und konstant 25 Sachen.

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Zwischen Schutzblech und Reifen ist alles zugeschmiert und das Hinterrad blockiert.

Nicht lange. Bis sie zu einem Ort kommen, an welchem sie einen Landsmann suchen der dort eine Pilgerunterkunft unterhält.

Bald endet die Suche auf einem Feldweg, und die Räder sind wie am Morgen zugeschmiert bis zur Blockade des Hinterrades. Der Italiener fluchte noch, sagt etwas von Fango terribile.

Gleiche Prozedur wie am Morgen: schieben bis in den nächsten Ort, Gartenschlauch, Kette reinigen und neu schmieren.

Ohne die Italiener kam ich noch bis Formista, wo Regen und ein aufziehendes Gewitter mich zwangen den Tag zu beenden. Ich treffe Torsten wieder, er ist jetzt mit drei Franzosen (Vater, Sohn, Onkel) unterwegs. Wir essen zusammen zu abend.

Geburtstag

5.5.      Es hat die ganze Nacht heftig gestürmt. Beim obligatorischen Milchkaffee in der Bar (kostet hier auf dem Land 1 € – 1,20 €) sehe ich Torsten und die Franzosen vorbeiradeln.DSCF6330 Mein Rad stand heute Nacht in einer Garage. Bislang hatte ich noch nie ein Gefühl der Unsicherheit auf dieser Reise, schon gar nicht auf dem flachen Land. Es dauert daher ein wenig bis ich startklar bin.

Nach etwa 25 km treffe ich die vier beim Frühstück und bestelle gleich eines mit. Wir fahren gemeinsam weiter. Kastilien ist hier topfeben. Getreidefelder bis zum Horizont. Die Kilometersteine am Wegesrand sind die einzige Abwechslung in dieser Einöde.

Kein Baum, kein Strauch, die Strasse ist einschläfernd gerade. Dazu ein immer noch frischer Wind von vorne. Jeder fährt seine eigene Geschwindigkeit und unser Konvoi verteilt sich nach jedem Zwischenstopp schnell über mehrere hundert Meter.
Was für den Radpilger schon eintönig ist, ist es um ein Vielfaches für den Fusspilger, braucht er doch für die gleiche Strecke etwa drei bis vier Mal so lange.

Die Ebene zwischen Burgos, Leon und Astorga ist daher eine echte Herausforderung , erst recht im Sommer, wenn kein Baum und Strauch Schatten spendet.

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Eine von der nobleren Sorte – die Pilgerunterkunft in Sahagun

Wir erreichen am Nachmittag Sahagun, wo wir in einer modernen Herberge unterkommen. Es gibt keine Schlafsäle, nur Zimmer. Ich gönne mir auch heute ein Einzelzimmer für 27 €. Schließlich habe ich Geburtstag.  Alles Bestens. Sogar einen Fahrradladen gibt es am Ort, so dass Sebastian einen neuen vorderen Kettenwerfer auftreiben kann.

Den Austausch macht Sebastian mit seinem Vater zusammen alleine, wir schauen zu und erteilen lediglich schlaue Ratschläge und unsere Hände bleiben sauber.

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Geburtstagsrunde

Er wird den vorderen Werfer in den Bergen bald brauchen.

Meinen Geburtstag feiern wir am Abend bei einem Pilgermenue im Ortszentrum.

Die Getränke gehen heute auf meine Kappe. Wir haben einen schönen Abend,  sind aber brav um 22 Uhr in der Herberge.

 

 

Flaches Land

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Endlose Getreidefelder in der Hochebene von Kastilien.

6.5.   Von Sahagun aus werden wir heute Leon erreichen. Die Straße folgt der Linienführung der alten Römerstraße von Astorga nach Bordeaux („Via Trajana“).

Immer geradeaus und nach wie vor Getreidefelder bis zum Horizont. Lediglich in der Ferne können wir das Kantabrische Randgebirge mit den schneebedeckten Gipfeln sehen, das Kastilien im Norden zur Biskaya hin abschliesst.

Am Nachmittag erreichen wir Leon. Quartier bekommen wir im Zentrum in einem ehemaligen Studentenwohnheim, das nun von den Franziskanern betrieben wird.

Auch hier, wie überall, wird zuerst der Pilgerpass verlangt. Zu fünft belegen wir ein Sechserzimmer. Wie allerdings in einem knappen Sechserzimmer kollektives studentisches Arbeiten möglich war und ist, erschliesst sich mir nicht.

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Kathedrale von Leon
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Vollendete Perfektion und Leichtigkeit

Wir besuchen gemeinsam die Kathedrale von Leon und sind tief beeindruckt. Auch diese Kathedrale ist UNESCO- Weltkulturerbe. Auch hier ist zum Glück eine Besichtigung mittels Audioguide möglich, sonst würde sich vieles dem Betrachter nicht erschliessen.

Den Abend verbringen wir beim Pilgermenü in einer Bar in der Innenstadt. Über die in spanischen Bars obligatorischen Fernseher verfolgen wir das Hinspiel der Bayern gegen Barcelona, das die Bayern 0:3 verlieren.

 

Fünf Gleichgesinnte

7.5.    Unser Start in den Tag verläuft dank des Sechserzimmers synchron. Wir sind alle keine Frühaufsteher, aber wir kommen trotzdem nicht in die Gänge, im wahrsten Sinne des Wortes. Bei fünf Leuten dauert das eben, da muss einer nochmals aufs Klo, einer muss Geld am Automaten holen, der nächste sucht einen Briefkasten.

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Rekordverdächtig die Zahl der Storchennester

Wir radeln nochmals zur Kathedrale und nehmen dort den Weg auf. Zwölf Kilometer dauert es, bis wir die letzten Gewerbegebiete von Leon hinter uns gelassen haben und auf der freien Strecke sind.

Auf ebener Strecke mit leichtem Rückenwind rollt es. Der Verkehr auf der N120 ist erheblich, aber wir haben einen Luxus- Seitenstreifen. Nur Aldo unser Franzose aus Napoli schwächelt. Trotz spätem Start sind wir vor 13 Uhr in Astorga und machen auf dem zentralen Platz Mittagspause.

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Mittagspause in Astorga

Zum Nachtisch gibt es Schokolade, hier in Astorga ist das Herz der spanischen Schokoladenherstellung. Aldo sucht eine Apotheke auf, er hat Schmerzen im Knie.

Hinter Astorga wird es immer schlimmer. Ich verabschiede mich daher schweren Herzens von den drei Franzosen und Torsten, den fertig studierten Umweltingenieur aus Hamburg.

Ich will heute noch über den Pass und zum Cruz de Ferro. Spät nach 18 Uhr habe ich die Passhöhe auf 1500 Metern erreicht. Meinen Stein vom Bodensee, der jetzt 2200 km unterwegs war, lege ich am Kreuz ab. Lange sitze ich da und halte inne, danke Gott für alles und den guten Verlauf der Reise.

Ich ziehe mich jetzt warm an und fahre noch hinunter auf 1100 m bis El Acebo, wo ich in einer kleinen Pilgerunterkunft noch einen Platz finde und noch etwas zu essen bekomme.

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Cruz de Ferro auf der Passhöhe, hier legt jeder Pilger seinen mitgebrachten Stein ab
 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Nach dem Pass ist vor dem Pass

08. 05.     Die Abfahrt von 1100 m auf 550 m Meereshöhe auf der steilen Passstrasse ist schwierig, da es in der Nacht geregnet hat. Vor Rollsplit kombiniert mit nassem Asphalt habe ich grössten Respekt.

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Ein erster Hauch von Galizien bei der Passabfahrt
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Einsame Passtrasse, die Fusspilger laufen meist abseits der Strassen.

Unten im Tal in Molinaseca frühstücke ich. Ein grosser Milchkaffee, frisch gepresster Orangensaft und ein Boccadillo mit Schinken und Käse und der Tag kann gut gestärkt beginnen. Bald ist das nahe Ponferrada erreicht, die letzte grosse Stadt vor Santiago. Pflichttermin ist die alte Templerburg. Hollywood hätte es nicht besser hinbekommen.

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Ponferrada mit einem Hauch von Hollywood

Im weiteren Verlauf des Tages komme ich bis nach nach Villafranca del Bierzo.

Es wird auch “ das kleine Compostela“ genannt, weil kranken Pigern bereits hier der Sündenablass erteilt werden konnte, wenn diese die Reststrecke (die es noch in sich haben wird)  nicht mehr bewältigen konnten.
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Sparsamkeit hin oder her, die Hose wird als Totalschaden nach 2000 km entsorgt.
Ich fahre heute noch einige Kilometer im Tal bis Las Herrerias, am Fusse des letzten grossŸen Passes vor Santiago. Diesen tue ich mir aber heute nicht mehr an. Ich finde eine nette Unterkunft und mache für meine Verhältnisse früh um 16 Uhr Schluss und schone mich. Meine lange Hose habe ich heute entsorgt, sie war unrettbar durchgescheuert und ohne enger gestellten Gürtel geht es ohnehin nicht mehr.
Ich komme beim unvermeidbaren Pilgermenue noch mit einem Japaner ins Gespräch, dann ist der Tag vorüber.

 

Im Frühtau zu Berge…

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Nach einem ordentlichen Frühstück…..

09. 05.  Dieser Teil des Jakobsweges heisst auch Camino Duro, weil hier noch einmal richtig  „ausgesiebt“ wird.

Der Japaner war bereits ohne Frühstück aufgebrochen. Ich frühstücke derweil gut angesichts der letzten grossen Bergetappe vor Santiago. Sogar eine Tischdecke gibt es hier. Das Spektrum reicht jetzt von taglang gar keinem Frühstück bis zur (unerwarteten) heutigen weißen Tischdecke !

Wieder einmal habe ich alles richtig gemacht. Den Pass am späten Nachmittag des Vortages zu fahren wäre möglich gewesen, aber ich wäre kurz davor gewesen mich zu übernehmen.

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…die Kühle des Morgens nutzend…

Die 650 Höhenmeter des Anstiegs kann ich in der Frische des Morgens und im Schatten des Berges in einem Rutsch überwinden.

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… geht es auf der leeren Passstraße stetig bergauf.

Die alte Passstraße ist an diesem Samstagmorgen mehr als leer, die über weite Teile parallel verlaufende Autobahn nimmt ausser dem wenigen lokalen PKW-Verkehr den gesamten übrigen Verkehr auf.

 

Insbesondere der gefürchtete LKW-Verkehr nimmt  die Autobahn.

Wenn ich diese Strecke mit den leicht traumatischen Schilderungen Hape Kerkelings aus 2001 vergleiche, als es noch nicht die Autobahn gab – kein Vergleich.

Irgendwie fügt sich immer alles richtig auf dieser Reise.

Ich suche oben am Pass die kleine romanische Kirche von O Cebreiro auf. Die aus dem 9. Jahrhundert stammende Kirche ist die älteste Kirche am Jakobsweg.

Wie viele Pilger sind hier in den letzten 1000 Jahren vorbeigekommen oder haben vor Wind und Wetter oder Schnee und Eis Zuflucht gesucht ?

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Die kleine romanische Kirche von O Cebreiro innen
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Die Kirche von O Cebreiro von aussen

Den Japaner treffe ich übrigens oben am Pass wieder. Die ܜberraschung bei beiden ist gross.

Er verabschiedet sich frech mit „see you later“. Er nahm den direkten Weg den Berg hinauf, während ich die Passtraße in großen, raumgreifenden Schleifen hinauf fuhr. Und er ist viel früher als ich gestartet.

 

 

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Oben am Pass hat man einen weitem Blick nach Galazien hinein
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Ab heute kommen all die Transporter und Taxis der „Luxuspilger“ hinzu, die von nun an den Camino bevölkern.

Das denkmalgeschützte Dorf hat alten Charme, wird aber deswegen auch von ganzen Busladungen überschwemmt.

Die Schinderei den Berg hinauf nach O Cebreio war auch fahrradtechnisch nicht ganz vergebens.

Eine mehrere Kilometer lange Passabfahrt bis hinunter nach Tricastela war eine kleine Entschädigung für die Mühen am Morgen. IMG-20150510-WA0005

Passabfahrt über mehrere Kilometer mit 7% Gefälle

Nach 85 km und 1440 Höhenmetern endet der Tag in Portomarin.

Portomarin ist eine neu angelegte Stadt aus den 1960ern, als der alte Ort von einem Staudamm überflutet wurde. Lediglich die beiden Kirchen hat man Stein für Stein abgetragen und am neuen Ort wieder aufgebaut.

 

Ich bin jetzt 29 Tage unterwegs, aœber übermorgen werde ich in Santiago sein.

 

Es wird voll

10. 05.  Zahlreiche „Luxuspilger“ sind auf meiner Etage. Nach 6 Uhr rattern die schweren Trolleys über den Steinfussboden, dazu Unterhaltungen in schwerem bayerischen Urwalddialekt (Landfrauen aus Bad Aibling oder so).  Draussen lässt der Fahrer den Motor warmlaufen, verlädt Gepäck und „Pilger“, Türenknallen, dann wieder Ruhe.

Da ich nun schon wach bin, mache ich mich ebenfalls auf den Weg, sattle wie jeden Morgen meinen Drahtesel mit den Packtaschen, dem Schlafsack, der Lenkertasche und den Trinkflaschen und fahre durch das menschenleere Portomarin.

Ich habe mich zu früh gefreut, dass mit den beiden großen Pässen der letzten Tage das Fahren nun einfacher wird. Gleich nach Portomarin geht es  im dichten galizischen Nebel 400 m den Berg hoch. Wie so oft ohne Frühstück – mittlerweile Routine.

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Die Sonne wird den galizischen Nebel hinter Portomarin bald auch in den Tälern auflösen.

Der Camino hat spätestens seit gestern Volksfestcharakter.

Es ist Sonntag: Unmengen von Spaniern meist in Gruppen ohne oder nur mit leichtem Gepäck bevölkern den Camino. Die erste Einkehrmöglichkeit nach 8 Kilometern: überfüllt, die nach 12 Kilometern ebenfalls.

Noch immer habe ich habe ich kein Frühstück und auf den Rippen ist auch nicht mehr viel. Zum Glück finde ich dann noch eine Einkehrmöglichkeit und komme dann doch noch zu meinem Frühstück.

Die Landschaft ist eine Mischung aus Allgäu und Schwarzwaldhochstrasse, mit Wäldern, frischen, grünen Wiesen, Kühen und der entsprechenden gnadenlosen Topografie. Das Wetter ist perfekt, Sonne und viele Wolken, die Temperaturen sind hier im Nordwesten von Spanien mit mittlerweile 23 °C weit entfernt von den aktuell 39°C in Cordoba, selbst Pamplona hat jetzt 32°C.

Seit ich meine lange Hose ausrangiert habe, fahre ich mit der kurzen Hose. Seit einigen Tagen geht das, vor gut einer Woche wäre dies aufrund der Temperaturen am Morgen noch recht gewagt gewesen.

Ohne ausgedehnte Siesta sind Temperaturen um und über 30°C wie jetzt weiter vorne auf dem Camino, ob auf dem Rad oder zu Fuss, nicht mehr so ohne weiteres machbar.

Auch hier habe ich alles richtig gemacht, ich bin zur rechten Zeit zu Hause losgefahren und habe dazu bislang reichlich Glück mit dem Wetter gehabt. In Sarria mache ich Station, das alte, ehrwürdige Kloster dessen Wurzeln bis in das 6. Jahrhundert zurückreichen, kann ich aber leider nicht besichtigen. Dafür hat aber die zugehörige Kirche offen.

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Pilgerautobahn auf den letzten 100 km vor Santiago. Es wird voll. Wer die letzten 100 km zu Fuss ab Sarria dokumentieren kann, bekommt die Urkunde („Compostela“9. In Spanien ist eine Compostela ein gern gesehener Teil in einer Bewerbungsmappe – daher ist die Erlangung der „Compostela“ ein beliebter „Volkssport“).    Radler reissen ihre 200 km an einem Wochenende mit einer Zwischenübernachtung herunter. Die Pilgerpässe der „Kurzstreckenpilger“ werden mittlerweile „schärfer“ kontrolliert und es müssen auf der Schlussstrecke zwei Stempel pro Tag vorhanden sein.

 

 

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Misch- und Eukalyptuswälder bestimmen das Bild des Camino unmittelbar vor Santiago

Weitere bedeutende Stationen gibt es heute keine mehr, so kann ich mich darauf konzentrieren so nah wie möglich an Santiago heran zu kommen.

Nach 85 km und wieder über 1000 Höhenmetern endet der Tag etwa 20 km vor Santiago. Heute musste ich mich deutlich mehr als sonst motivieren.

Zum einen merke ich jetzt die letzten Wochen, die aktuell steigenden Temperaturen tun ein Übriges und der Rummelplatzcharakter auf den letzten Kilometern ist nun gar nicht mein Ding.

Santiago

11. 05.    Genau einen Monat ist es her, als ich gesOrtsschildtartet bin, jetzt stehe ich wenige Meter vor dem Ziel. Ich denke an ein gemütliches Einrollen, leicht bergab („träum weiter“).

Der galizische Nebel ist launisch und lässt heute keinen Blick auf die Stadt von den im Reiseführer beschriebenen Aussichtspunkten zu. Bis zur Stadtgrenze habe ich auf den wenigen Kilometern schon wieder 350 Höhenmeter überwunden, dann taucht das Ortsschild von Santiago im galizischen Nebel auf.

Ziel seit fast 1000 Jahren, die Kathedrale von Santiago de Compostela (derzeit bis 2016 Aussenrenovation)
Ziel seit fast 1000 Jahren, die Kathedrale von Santiago de Compostela (derzeit bis 2016 Aussenrenovation)

Mir stehen Tränen in den Augen, ich bin erleichtert, es ist eine große Freude nun fast am Ziel zu sein, all die Mühen und Schindereien und Entbehrungen des Weges, Wind und Wetter, Pässe, verfahren, tagelange Einsamkeit, alles kommt noch einmal hoch.

Ich halte an, sortiere meine Gedanken. Nach einer Weile mache mich wieder auf den Weg der allerletzten Kilometer durch die Stadt zur Kathedrale. Ich schiebe das Fahrrad, genieße den Augenblick.

Alles ging bislang gut, das soll so bleiben. Dann der Platz vor der Kathedrale, ich bin am Ziel.

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Der Pilgerpass ist  voll geworden.

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Die prunkvolle Kathedrale innen, unter dem Altar befindet sich das Apostelgrab.

 

Viele die gerade angekommen sind, sind wie ich sichtlich bewegt, setzen sich nieder, müssen erst einmal begreifen, dass sie angekommen sind und ein langer beschwerlicher Weg zu Ende ist.

Ich gehe in die Kathedrale lasse den Moment auf mich wirken, danke Gott, dem Hl. St. Jakobus und wer auch immer seine schützende Hand über mich gehalten hat. Ich suche auch das Apostelgrab auf, das sich unterhalb des Altarraumes befindet. Dann irgendwann gehe ich in das nahe gelegene Pilgerbüro, am Schalter 7 ( so viele sind es !) wird mein nun voller Pilgerpass überprüft und ich bekomme die obligatorische Pilgerurkunde.

Auch die gefahrenen Kilometer (2530 km ) werden auf einem Extradokument bestätigt.

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Auch sie sind am Ziel.

Es folgt ein Rundgang durch die Altstadt, die voller Herbergen, Restaurants und Souvenirläden ist.

Ich setze mich auf die Treppe südlich der Kathedrale, schaue dem Treiben zu, dem Kommen und Gehen der Pilger. Je weiter man sich von der Kathedrale wegbewegt, desto mehr werden diese im Getriebe einer sonst normalen 100’000 Einwohner zählenden Stadt aufgesogen.

Am Nachmittag versuche ich für morgen einen Ausflug nach Finisterre zu buchen, was aber nicht gelingt.  Ich werde also morgen früh den normalen Überlandbus nehmen und ich werde entgegen meiner ursprünglichen Planung nicht das Fahrrad nehmen, verzichte somit auf weitere 180 km und 2600 Höhenmeter mehrheitlich auf Hauptstraßen. Das werde ich mir nicht mehr antun.

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Zimmer mit Aussicht auf die Kathedrale

Ein Quartier habe ich auch schon, es ist mir fast zugelaufen. Vom Fenster kann ich sogar die Kathedrale sehen.

Um 19:30 besuche ich die Pilgermesse, ein ergreifendes Erlebnis unter so vielen Gleichgesinnten aus so vielen Ländern zu sein.

Leider wird das große Weihrauchfass heute nicht geschwenkt. Aber das Weihrauchfass am 35 m langen Seil habe ich gesehen und Videos dazu gibt es genügend im Netz.

Bedauerlicherweise hat es meine Radlertruppe, mit denen ich einige Tage zusammen war heute nur bis kurz vor Santiago geschafft. Sie wollen morgen früh in die Stadt fahren, wenn ich schon im Bus nach Finisterre sitze. Ich esse heute mein Pilgermenü alleine.

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Fleischliche Gelüste in Santiago

Das überall in Spanien angebotene Pilgermenü besteht aus einer Vorspeise (z.B. kleiner Salat), einem Hauptgang (z.B. Fisch oder Fleisch), einem Dessert und einem Getränk , fällt qualitativ recht unterschiedlich aus und ist mit 10 – 12 € für unsere Verhältnisse sehr preisgünstig.

Manchmal ist das Pilgermenü wie ein Tagesmenü nicht zusammenstellbar, meist kann aber jeder Gang  aus mehreren Alternativen ausgewählt werden.

Am Ende der Welt

12.05.      Ich laufe durch die erwachende Altstadt von Santiago und bin noch vor  8 Uhr am Busbahnhof. Dort kaufe mir das Busticket rechtzeitig vor der Abfahrt um auch ganz sicher einen Platz im ersten Bus nach Finisterre zu bekommen. Ein Kauf am Vortag oder eine Reservierung war nicht möglich, also muss ich die verbleibende Zeit bis zur Abfahrt am Busbahnhof vertrödeln.

Finisterre war im Altertum das Ende der damaligen bekannten Welt („finis terrae“). Schon für die Kelten und Römer war dies ein mystischer Ort. Der Bus fährt bis kurz vor 12 Uhr an der bizarren Küste entlang. Eine Mischung aus Norwegen und Schottland,  immer wieder kleine schmucke Städtchen wo Leute ein- und aussteigen.

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Menschenleerer, einsamer Strand bei Finisterre

Das Auf- und Ab der Straße nehme ich bewußt wahr und bin froh den Bus genommen zu haben. Von dem kleinen Fischerort Finisterre, wo der Bus endet, laufe ich die verbleibenden 3 km zum Leuchtturm auf der Landspitze. Hier oben steht auch der Kilometerstein 0,0 des Jakobsweges.  Ein idealer Ort für einen Leuchtturm. Dieser hat eine Tragweite von 57 km. Vor mir und dem Leuchtturm nur noch die endlose Weite des Atlantiks. Etliche Touristen und einige Pilger sind hier. Nur wenige Pilger laufen die durchaus lohnenden  3 – 4 Tagesetappen von Santiago bis hierher.

Ich spreche drei Österreicher an, die mich mit ihrem Auto nach Finisterre zurück mitnehmen, denn ich habe mir noch vorgenommen im Atlantik zu baden, eine reizvolle Vorstellung angesichts des langen Sandstrandes vor Finisterre, der zu den schönsten in ganz Spanien zählt.

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Am Ziel – Bad im Atlantik

Der kilometerlange Strand bei Finisterre ist fast menschenleer. Ich könnte hier kiloweise Jakobsmuscheln aller Formen, Größen und in den verschiedensten Farbmustern einsammeln. Einige der schönsten nehme ich als Souvenir mit.

Das Bad im Meer ist angenehm erfrischend. Nach Santiago bin ich nun ein zweites Mal angekommen, dieses Mal auf etwas andere Art.  Mit dem Bad im Atlantik am westlichsten Ende Europas ist meine Reise an das „Ende der Welt“  fast zu Ende.

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Hätte ich heute kiloweise einsammeln können – Jakobsmuscheln in allen Variationen

Ich nehme um 16:45 Uhr den letzten Bus zurück nach Santiago, wo ich mich dank der modernen Kommunikationsmittel bereits mit den drei Franzosen und Torsten zum Abschlussessen verabredet habe.

Die Wiedersehensfreude mit Torsten, Aldo, Sebastian und Martial ist groß. Wir haben uns viel zu erzählen. Am meisten freue ich mich für Aldo, der es dann doch noch schaffte.  Und obwohl wir uns nur wenige Tage aus den Augen verloren haben, haben wir uns viel zu erzählen.

Torsten will übrigens über die Nordküste und auf dem Rad nach Hamburg zurückfahren, für Teilstrecken wird er sich den Zug genehmigen.

Ich bin durch halb Europa gefahren, habe arme und reiche Landstriche gesehen, unbeschreiblich schöne Landschaften und Einöde, bBetriebsamkeit in den Städten und Stille und Einsamkeit auf dem Land,  immer freundliche Menschen, Menschen die ihr täglich Brot hart verdienen müssen.

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L’équipe Franco-Allemand beim Abschiedsessen in Santiago

Ich habe viele Kirchen, reiche Kunst- und Kulturschätze und Bauten aus zwei Jahrtausenden gesehen, Menschen erlebt die an Gott glauben und solche die nichts damit anfangen können.

Es war eine Reise durch das alte Europa das in vielerlei Hinsicht so unglaublich reich ist und trotz aller Gemeinsamkeiten und Wurzeln eine große Vielfalt hat, zumeist gesegnet und begünstigt von der Natur und der Geographie, mit einer langen und großartigen Vergangenheit, aber auch mit Irrungen und düsteren Kapiteln.

Der Alltag wird mich bald wieder einholen, auch das gehört zum Leben, aber trotz aller Mühen war jeder Kilometer es Wert gefahren zu werden.

Es waren wunderbare, bereichernde Wochen, voller Anstrengung  (die 2530 km und 21700 Höhenmeter sind noch nicht vergessen). Vieles hat sich auf das Elementare reduziert. Ich hatte immer ein Bett in der Nacht und immer etwas zu essen.

Ich habe so ziemlich alles richtig gemacht, ob in der Vorbereitung oder in den täglichen Entscheidungen, ich war immer gesund, das Fahrrad war bis zum letzten Meter zuverlässig mein Begleiter, das Wetter war mir fast immer wohlgesonnen und ich bin von kleiner und großer Unbill verschont geblieben. Es hat sich immer auf wundersame Weise alles gefügt. Dafür bin ich Gott und allen Menschen dankbar.

 

Ende

13.05.

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Irgendwann landet alles in der Kiste….
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