Fahrrad- Infos

Und wenn das Fahrrad unterwegs kaputt geht…

Ja, dann muss man auf den heiligen Jakob hoffen, oder man muss sich eben selbst helfen. Oder unterwegs auf nette Mitmenschen hoffen. Hilfreich ist sicher, wenn ein Rad in guter Verfassung ist.

Mein Fahrrad hat mittlerweile über 10 Jahre und 45’000 km auf dem Buckel – ein Widerspruch ?   Oder ein Mahnmal gegen vorzeitiges Ausrangieren und Wegwerfen wie es heute beim kleinsten Anlass gang und gäbe ist ?

Au weia – mit so einem alten Rad traue ich mich auf so einen weiten Weg ? Reichlich Gottvertrauen ?  Nicht nur.

Die ingenieurtechnische Seite ist da bedeutend nüchterner. Ein Fahrrad verhält sich wie jeder technische Gegenstand: bei hoher Ausgangsqualität, schonender Behandlung und Benspruchung, sowie entsprechender Wartung und Pflege, halten Fahrzeuge und technisches Gerät (egal ob Fahrräder, Autos, Flugzeuge oder was auch immer) seeehr, seeehr lange.

Vorbereitung ist (fast) alles

Lagerschaden
Vier Wochen vor der großen Fahrt zum Glück noch entdeckt – ein kapitaler Lagerschaden an der Hinterachse im Anmarsch

Manche Teile am Rad wurden zwischenzeitlich ersetzt, weil das Ende der Nutzungsdauer erreicht war. Wer wie ich täglich und ganzjährig lange Strecken mit dem Fahrrad fährt, weiss wie lange die jeweiligen Verschleissteile halten. Diese rechtzeitig, nicht zu früh oder zu spät zu tauschen ist eine Kunst und nennt sich dann voraussschauende bzw. prädiktive Wartung.

Ein Logbuch mit Kilometerständen von durchgeführten Wartungen und Reparaturen hilft bei der Planung von Wartung und Komponententausch.

Glück hatte ich bei meiner großen Inspektion vier Wochen vor der Fahrt in 2018: ein fast unmerkliches, gelegentliches Ruckeln als das Hinterrad oder besser gesagt die Hinterachse frei auf meinen ausgestreckten Zeigefingern drehte, entpuppte sich als kapitaler Lagerschaden im Vorstadium.

Nun gut, das Hinterradlager hatte bereits knapp 30’000 km auf dem Buckel. Shimano ist da kein Vorwurf zu machen, eher mir, denn so lange hält ein Hinterradlager normalerweise nicht….

Auch bei der Kette, einem Allerweltsteil was den Verschleiss angeht, musste ich dazu lernen. Eine Kette die schon 4000 km gefahren wurde, ist bei diesem Kilometerstand kurz vor dem Ende und zieht alsbald auch die Zahnräder (Ritzel, Kassetten) mit in den Abgrund, wenn nicht rechtzeitig gewechselt wird. Also: zum geeigneten Zeitpunkt vorher wechseln. Dass es manchmal schneller gehen kann, musste ich auf der zweiten Tour lernen.

Denn nach ca. 2000 km und 20’000 teilweise giftigen Höhenmetern war die neue, erst wenige Wochen alte Shimano-Kette in Galicien bereits vor dem Ende der Tour „angegriffen“. Dies äusserte sich auf den Flachetappen in leichten Unsauberkeiten im Kettenlauf in den drei „schnellsten“ Gängen unter Last. Eher ein Luxusproblem beim Rückenwindfahren….

Ausserdem war das KMC- Kettenschloss nicht exakt maßlich kompatibel zur Shimano-Kette, wie sich erst im Nachhinein heraus stellte. Zu Hause eine neue Shimano-Kette mit  Shimano-Kettenschloss aufgelegt – alles (wieder) gut !

Ersatzteile

Das Wartungs- und Ersatzteilpaket ist bei guter Vorbereitung recht überschaubar. Die wichtigsten Dinge:  Ölfläschchen, Flickzeug (der letzte Platten ist bei mir über 30’000 km her), Luftpumpe, Ersatzspeichen für das Hinterrad (nicht im Bild), Ersatzschrauben für die Gepäckträgeraufhängung, Bowdenzüge.

Werkzeug
Eher spartanisch: die Werkzeug- und Ersatzteilzusammenstellung

Einige Spezialitäten:

  1. Das schwarze  „Seepferdchen“ neben der Ölflasche ist ein Schaltauge oder Ausfallende. Dieses Teil verbindet den Rahmen mit dem hinteren Kettenwerfer. Bricht dieses Gussteil (was mir schon einmal aus heiterem Himmel passiert ist) ist die Fahrt zu Ende. Die Wahrscheinlichkeit, dass der 80 km entfernte Fahrradhändler in der Pampa (oder in Pamplona) genau jenes der ca. 250 am Markt befindlichen verschiedenen Ausfallenden am Lager hat das zum eigenen Fahrrad passt, gleicht einem Lottogewinn. Alles kann man unterwegs nachkaufen, man kann einen gebrochenen Rahmen beim Dorfschlosser schweißen lassen oder man kann improvisieren – hier nicht !!!
  2. Rechts neben dem roten Klebeband ist ein Tankstellenadapter zu sehen. Damit kann im Notfall auch an Tankstellen Luft gezapft werden.
  3. Das Werkzeug (SKS T-Worx) enthält auch einen 15er Gabelschlüssel um die Pedalen für den Rücktransport abzumontieren.

Und einige elementare Dinge sollte man sowieso können:

  • Platten flicken
  • Schaltung einstellen
  • Achter ausspeichen

„Pannen“ unterwegs

Was passierte fahrradtechnisch auf den gut 2500 km der Tour in 2015:

  • Die Seitenstütze (vulgo „Ständer“) ist irgendwann an der Loire abgebrochen, genau genommen ,im nachhinein betrachtet, mickrigen M5-Schräubchen zur Befestigung des Ständers am Rahmen. Dummerweise sind diese so blöd abgebrochen, dass ich die Gewinde-Aufnahmen am Rahmen hätte ausbohren und die Gewinde hätte nachschneiden müssen. Also bin ich die restlichen 1500 km ohne Ständer weitergefahren. Zu Hause habe ich diese dann ausgebohrt und mit soliden M6-Schrauben versehen !  Danke an die vielen Laternen und Gartenzäune unterwegs!
  • Der Schalthebel für den hinteren Werfer brauchte unterwegs zwei Tröpfchen Öl um wieder geschmeidig zu funktionieren
  • mehrere Male die Kette gesäubert/ geölt weil im Matsch geackert

Und auf den 2500 km der Tour in 2018:

  • 2 x  die Kette geölt, einschliesslich Umlenkröllchen
  • Kettenwerfer hinten nachgestellt
  • Bremse nachgestellt
  • Knopfzelle des Tachogebers am Vorderrad gewechselt

Das war es !!!!!!

Platten

Der letzte „Platten“ ist bei mir übrigens ca. 30’000 km her. Einerseits ist das ein wenig Glück, andererseits aber auch das Beherzigen einiger elementarer Grundregeln:

  • Schwalbe Marathon Reifen mit Pannenschutz fahren (den Blauen, nicht den Grünen)
  • Ausreichend Luftdruck (4 bar hinten, 3,5 bar vorne)
  • Randsteine meiden
  • Altglascontainer weiträumig umfahren

Die rhetorische Frage nach der Anzahl Platten hat sich bereits beantwortet:  Null !

Die Frage nach einem Ersatzschlauch hat sich indirekt damit auch beantwortet, wenngleich es vorteilhaft ist, bei einer Panne in der Dämmerung oder an der Schnellstraße einen Ersatzschlauch parat zu haben.

 

Welches Rad

Beim Fahrrad gehen die Meinungen auseinander. Um zunächst mit einem elementaren Irrtum aufzuräumen:   der Jakobsweg ist ein Weg und nicht immer mit einem Fahrrad befahrbar. Es gibt zwei Alternativen:

  1. ein Super-Mountainbike, dann braucht es aber ein Begleitfahrzeug für das Gepäck
  2. ein Tourenrad (neudeutsch Trekking-Bike) und dann und wann auf die parallelen Strassen ausweichen.

Ob ein Mountainbike wirklich das Wahre ist um auf den Fusswegen ständig Fusspilger wegzuklingeln, mag dahingestellt sein. Das Tourenrad ist die nachhaltigere Variante. Ausserdem ist das Gepäckproblem mit den Packtaschen gelöst. Das Ausweichen auf die meist parallel verlaufenden Strassen ist kein Problem, diese sind in Frankreich und Spanien meist mit einem fast schon luxoriösen Seitenstreifen ausgestattet. Und die N120 in Spanien hat, seit es fast überall parallel führende Autobahnen gibt, ihren Schrecken verloren.

Tipp: Radwanderführer für den Jakobsweg  sind besser geeignet als die Jakobsweg-Standardwerke wie der „Rother“ die meist aus der Fusspilgerperspektive geschrieben sind.

Schutzbleche:

Wer am Abend nicht völlig verdreckt sein will, sollte auf Schutzbleche nicht verzichten. Es sieht zwar etwas martialisch aus ohne Schutzbleche oder nur mit Mini-Schutzblech-Steckatrappen herumzufahren, aber nicht nur an Regentagen ist die Schutzblechfraktion klar im Vorteil. Tipp: möglichst grossen Abstand zwischen Schutzblech und Rad.

 

Rückreise:

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Rücktransport: Kompakter geht es nicht mehr

Bereits vor der Abfahrt sollte man an die Rückreise und allfällige Zerlegeaktionen für Bus, Zug, Flug oder Sperrgutversand denken.  Wer mit dem Flugzeug zurück will oder muss sollte an Folgendes denken:

Der Versandkarton der in Santiago am Flughafen erhältlich ist, ist recht knapp bemessen und bedingt einige Zerlegungen am Rad. Um hier nicht verzweifelt für unfreiwillige Unterhaltung von Flughafenpassagieren in Santiago zu sorgen, sollte man schon zu Hause alles Erforderliche lösen, fetten, die Drehrichtung der Pedalgewinde einritzen und alles mit dem Bordwerkzeug wieder anziehen, damit man vor Ort eine Chance bei der Zerlegung hat:

  • Lenker – muss aus dem Rahmen herausgezogen werden, Verdrehen- und Querstellen reicht nicht
  • Pedale müssen i.d.R. abmontiert werden (Achtung: Links- und Rechtsgewinde)
  • Das Schutzblech vorne muss abmontiert werden, der Versandkarton ist recht kurz
  • Sattel einfahren bzw ganz aus dem Rahmen herausziehen
  • Luft massiv ablassen
  • Vorderrad ausbauen

Wie ist ein Rad für die große Tour aufzurüsten:

DSCF6544-2Legende:

1) Lenkertasche (abnehmbar)  Ortlieb oder VauDe 

2) Ersatzspeichen für Hinterrad am Unterrohr befestigt 

3) Packtaschen Ortlieb oder VauDe (mit Vortaschen- z.B. für Regenklamotten)

4) Flaschenhalter

5) Falt(zahlen)schloss Abus Bordo

Trotz der größeren Breite ist die „Vortaschenversion“ zu bevorzugen, da mit dem erweiterten Stauraum zusätzliche Vorderradpacktaschen vermieden werden können.

DSCF6544-1Legende:

1) Gepäckträger Racktime Pro mit besonders niedriger Aufhängung (Schwerpunkt)

2) Gepäckträgerbefestigung auf M6 aufgebohrt

3) Seitenstütze Befestigung auf M6 aufbohren

4) Reifen: Schwalbe Marathon- der normale, „blaue“ reicht. Dieser hat bereits super Pannenschutz, der erweiterte Pannenschutz (grün) läuft schwerer.

 

Noch drei Tipps:

  • Ein Fahrradtacho mit Höhenmesser (z.B. VDO MC2 oder Nachfolger) ist angenehm. Am Ende des Tages weiss man anhand der gefahrenen Kilometer und der überwundenen Höhenmeter warum man so fertig ist.
  • Einfache, reparierbare Technik ist zu bevorzugen. Beispiel Bremsen: wo bekomme ich Spanien einen abgebrochenen Bremshebel oder Bremsbeläge für Hydraulikbremsen her ? (Tourenräder sind in Spanien nahezu unbekannt) – daher Felgenbremse statt Hydraulikbremse !
  • Wer billig kauft, kauft zwei Mal und ärgert sich unterwegs umso mehr
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