Tausend Meilen westwärts oder der Fahrrad – Lag

28. September

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Gesichtslose Wohnviertel in Gijon

– Das Quartier in Gijon war okay. Auch dass es erst um 8 Uhr Frühstück gab. Denn mittlerweile bin ich nicht mehr weit von Galicien, der nordwestlichen Ecke Spaniens, entfernt.

Der Tagesablauf hat sich mittlerweile etwas geändert und nach hinten geschoben. Es wird hier eine Stunde später hell bzw. am Abend eine Stunde später dunkel als in meiner Heimat am Bodensee.

Heute kann ich gleichzeitig zwei „Jubiläen“ feiern: 2000 zurückgelegte Kilometer  (vorwiegend westwärts) und 20’000 (überwundene) Höhenmeter.

Die Fahrt aus Gijon heraus ist kein Zuckerschleck. Frau Google half mir, denn ich kann nun mit ihren Zickigkeiten und verbalen Hakenschlägen besser umgehen, nämlich dadurch dass ich diese ignoriere.

Zuerst geht es durch das Labyrinth der Großstadtstraßen, dann gesichtslose Wohngebiete, dann endlos vorbei an Stahlwerken, Walzwerken, Tangenten, Kraftwerken, Industrieanlagen,  Zubringern, Schnellstraßen, Bahnlinien, Stromtrassen usw.

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Auch das ist der Jakobsweg, kilometerlang nur Industrieanlagen.

Erst als ich auf die C-106 abbiegen konnte, war schlagartig Schluss und ich war von hier auf jetzt auf dem Land.

Verkehr weg, Lärm weg, plötzlich Kuhglockengebimmel und das innerhalb von 300 Metern. Wie wenn man einen Schalter umlegt (Beweis siehe Beitragsbild).

Später auf der N-632 hatte ich zwar einen Radfahrstreifen, aber der Schnellstraßencharakter behagte mir nicht. Nach 55 km und 760 Höhenmetern (Dank der unfreiwilligen Schlusseinlage in Laredo) bei bedecktem Himmel und optimalen 22 Grad machte ich aufgrund der heutigen Jubiläen mit dem Radfahren Schluss.

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Hinter dieser Heckklappe befindet sich ein Stauraum mit einem Fahrrad…

Jetzt muss eine Belohnung her, und ich suchte in Laredo den Bahnhof.  Dazu fahre ich in den Ort hinunter. Keine Bahnlinie, kein Bahnhof,  kein Schild. Nachgefragt im Ort habe ich dann herausbekommen, dass die Bahn hier in einem Tunnel am Ort vorbeiführt und der Bahnhof deswegen westlich vom Ort ist. Also die 100 Höhenmeter wieder rauf.

Dann, als ich das Ticket (3,40 €) gelöst habe, wurde ich zusammen mit einem anderen Fahrgast vom Bahnsteig auf den Vorplatz komplimentiert, denn es fahren heute keine Züge mehr, so die Ansage des gestrengen Stationsvorstehers. Vielleicht gibt es im Spanischen auch so ein Wortungetüm wie Schienenersatzverkehr, verstanden habe ich es jedenfalls nicht.

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Galicien ist jetzt nur noch einen Katzensprung entfernt

Nach 20 Minuten stand ein kleiner Bus mit ca. 30 Sitzplätzen da. Mir wurde etwas bang ob der schmalen Gepäckfächer unten und wie da ein Rad hineinpassen soll. Aber da gab es noch überraschenderweise einen riesigen Heckstauraum. Der Fahrer bedeutete mir, daß erst das Gepäck der Fahrgäste vom Zug, der gleich eintreffen wird, rein muss, dann das Fahrrad. So war es auch, vituos gestapelt passte alles rein.

Ich bin froh die Bahn bzw. den Bus genommen zu haben, die Topographie auf dem kurzen Stück bis Luarca hätte es nicht gut gemeint mit mir. Drei Kamelbuckel habe ich so vermieden. Der Fahrer mit seinem Tetris- Gepäckstapelkünsten hat sich sein Trinkgeld redlich verdient.

Eines zeigte der Schienenersatzverkehr, der teilweise sogar ein kurzes Stück über die Autobahn bretterte, dass die Wahrnehmung in einem Fahrzeug und bei den dort gefahrenen Geschwindigkeiten eine ganz andere ist.

Erstmals wurde hier am Zielort in Luarca das Pilgermenü angeboten. Für gerade einmal 12 € bekomme ich Vorspeise (Salat), Hauptgang (Pommes mit zwei Spiegeleiern und geröstetem Speck) sowie Nachtisch (Karamellpudding). Dazu, das Ankunftsbier ist noch nicht leer, einen halber Liter Rotwein. Viel Feind, viel Ehr.

Die Herausforderung mit dem Rotwein nehme ich gerne an. Mit dem Engländer am Nachbartisch, auch ein alleinreisender Pilger, unterhalte ich mich den ganzen Abend.

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2 Gedanken zu “Tausend Meilen westwärts oder der Fahrrad – Lag

  1. Hi Rolf,
    Glückwunsch zu den 2000 Kilometern. Das ist schon eine reife Leistung.
    Immer wieder mal schau ich bei Dir rein und gucke ob Du im Kreis fährst oder vorankommst.
    Der ist schon wirklich gut geschrieben, dein Bericht, und vor allem auch sehr gut fotografiert.
    In Allensbach laufen die Dinge ohne dich natürlich aus dem Ruder, aber ein, zwei Wochen geht das schon noch.
    Dann wünsche ich Dir noch ein geschmeidiges Ankommen in Santjago und brenn ein Kerzlein für uns an.
    Viele Grüsse, Kettenriss und Schaltaugenbruch
    Thomas

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  2. Rolf, Gratulation, Du bist schon stramm unterwegs! Bei mir ging es nicht so schnell! Von Horb bis Santiago waren es wie es in Horb-Ihlingen an der dortigen Jakobskirche steht, tatsächlich 2400km. Ich startete am 6.8. und war am 12.9. in Santiago. Mein Weg war ja ein etwas anderer, aber alle Wege treffen sich schließlich in Santiago!!!
    Wünsche Dir weiter gutes Vorankommen, Dein Jakobsbruder aus Horb am Neckar, Reinhard

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